Gespräche statt Absagen!

Heute will ich zwei Dinge mit Dir teilen:

Der Sendetermin des einstündigen Gesprächs, das ich mit Katrin Heise geführt habe, ist Montag, 7. April, 9:00 Uhr auf Deutschlandfunk Kultur.

Dass der international anerkannte israelische Philosoph Omri Boehm ausgeladen wurde, bei der Gedenkfeier zur Befreiung des KZ Buchenwald zu sprechen, hat zurecht für Aufruhr gesorgt. Hier ist eine Petition, die die Redefreiheit für ihn fordert und deren Erstunterzeichner prominente, teils jüdische Zeigenossen und Weggefährtinnen sind. Der Text der Petition ist übrigens auf viele kritische Juden und Israelis anwendbar — die Prinzipien und Vorgehensweisen seitens derer, die Druck machen, immer die gleichen. Mir scheint, dass ihnen dabei egal ist, ob der reale Antisemitismus, den wir eigentlich alle gemeinsam und solidarisch bekämpfen sollten, durch ihr Handeln gefördert wird. Sie haben nur ein Ziel: Unsereins zum Schweigen zu bringen, um nur ja nicht über das zu sprechen, was offensichtlich falsch läuft in Israel. Langsam wird es lächerlich, und die Apologeten sind dabei, sich selbst zu entlarven. Auf dass es dann endlich zu einem Neubeginn kommen und die Chance auf Frieden und Sicherheit FÜR ALLE hoffentlich in naher Zukunft gegeben sein wird!

Hier der Text und Link der Petition (Achtung, sehr kurzfristig!):

An die Bundesaußenministerin Annalena Baerbock und ihre:n zu bestimmende:n Nachfolger:in, an die derzeitige und die kommende Regierung der Bundesrepublik Deutschland, an die Thüringische Staatskanzlei und den Ministerpräsidenten Mario Voigt sowie an Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora: 

Durch Druck und Drohungen hat der Botschafter Israels in Deutschland dafür gesorgt, dass die Einladung an den international anerkannten israelischen Philosophen Omri Boehm, am 6. April bei der Gedenkfeier zum 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwalds zu sprechen, zurückgezogen wurde. Dies ist ein beispielloser Vorgang: Keine diplomatische Vertretung, kein anderer Staat darf ein Vetorecht haben, wer in Deutschland zu welchem Anlass spricht. 

Ministerpräsident Mario Voigt: Sorgen Sie dafür, dass Omri Boehm wie geplant bei der Gedenkfeier in Buchenwald sprechen kann!

Die Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, die laut Presseberichten weiterhin die „Integrität Boehms und seine herausragenden Leistungen“ schätzen, wollten mit ihrer Entscheidung einen Skandal verhindern. Doch der Skandal der Einmischung und Zensur ist längst da. 

Viel zu lange haben sich deutsche Institutionen wie aktuell die Stiftung Gedenkstätten und die Thüringische Staatskanzlei dem vielfältigem Druck und der Instrumentalisierung der Millionen Holocaustopfer wider besseren Wissens ergeben. Obwohl viele, insbesondere auch Juden, genau davor gewarnt haben, wurde der pauschalisierende Antisemitismusvorwurf in den letzten Jahren derart politisiert und überstrapaziert, dass er mittlerweile sinnentleert und zum politischen Spielball mutiert ist. Angesichts des weltweit gestiegenen Antisemitismus ist das kontraproduktiv und gefährlich. Dasselbe lässt sich über den Appell an die Bewahrung der Würde der damaligen Opfer sagen. Sie können sich gegen keinerlei Vereinnahmung mehr wehren. Überall auf der Welt bemächtigen sich Rechte, Faschisten, Populisten solcher skrupellosen Scheinargumente und gehen restriktiv auch gegen Jüdinnen und Juden vor, die ihre Agenda nicht teilen.

Mit der Ausladung Omri Boehms muss nun eine Grenze erreicht sein: Hier der Philosoph, der in klarer, besonnener Sprache um einen wahrhaftigen Universalismus ringt, also um die Definition und Garantie der Würde aller Menschen. Dass er der Enkel einer Holocaustüberlebenden ist, dass auch Boehm die israelische Uniform getragen hat, sollte gar nicht erwähnt werden müssen. 

Dort Ron Prosor, qua Entsendungsauftrag der Propagandist seiner Regierung, der rechtesten und im eigenen Land umstrittensten, die Israel je hatte. Seit langem diffamiert und diskreditiert Prosor gezielt alle Kritiker der israelischen Politik. Vor prominenten Juden und Israelis hat er dabei noch nie Halt gemacht, auch sie bezeichnet er auf den Sozialen Medien regelmäßig als „Antisemiten“ und „Israelfeinde“.

Omri Boehm hingegen hat schon Jahre vor dem blutigen Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober 2023 und den darauf reagierenden, bis heute anhaltenden Exzessen der israelischen Kriegsführung im Gazastreifen und den schweren Ausschreitungen der Siedler im Westjordanland, in eine Richtung gedacht und geschrieben, die gemeinhin als Utopie bezeichnet wird: wie ein friedliches Zusammenleben von jüdischen Israelis und Palästinensern in einem einzigen staatlichen Gebilde, in der Form etwa einer Konföderation, zu bewerkstelligen wäre. Dazu tauscht sich Boehm regelmäßig mit anderen internationalen Denkern, auch mit palästinensischen, aus. In der Eskalationslogik, in die sich Hamas und die israelische Regierung seit dem 7. Oktober 2023 verkeilt haben, sieht allerdings jeder Gedanke an Frieden gerade wie eine Utopie aus.

Jeder, der will, kann Boehms Thesen als „umstritten“ und „polarisierend“ bezeichnen. Aber weder sind sie verboten, noch gefährden sie Menschenleben, unseren Staat oder unsere Rechtsordnung. Und genauso wenig bedrohen sie die Würde einer Veranstaltung, die dem Gedenken an die Millionen Opfer eines mörderischen Regimes gewidmet ist, oder die Würde des Ortes, in dem gerade jene inhaftiert und terrorisiert wurden, die sich diesem Regime widersetzten.

Wo Prosors freie Meinungsäußerung garantiert ist, muss es auch jene Omri Boehms sein. Es sollte selbstverständlich sein, dass eine seriöse, von renommierten Fachleuten geleitete deutsche Gedenkstätte frei über ihre Gastredner entscheiden kann. 

Boehms Ausladung ist auch nicht mit der Rücksicht auf die letzten, uralten Überlebenden des Holocaust, die am 6. April als Gäste erwartet werden, zu rechtfertigen. Der Respekt vor ihnen würde vielmehr gebieten, die Veranstaltung nicht solch einseitigen Einflussnahmen preiszugeben, sondern die Vielfalt jüdischer Stimmen zu feiern. Der Schaden ist – durch das rücksichtslose Verhalten des diplomatischen Vertreters Israels – bereits angerichtet und kann nur noch begrenzt werden, indem Omri Boehm wie vorgesehen spricht – und zwar am vereinbarten Tag und Ort!

Wir fordern die Thüringische Staatskanzlei und die Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora auf, Sorge zu tragen, dass die Gedenkfeier am 6. April wie geplant stattfinden kann. 

Und wir fordern die amtierende Bundesaußenministerin Annalena Baerbock, die aktuelle ebenso wie die künftige Bundesregierung auf, Wissenschaft, Kunst sowie den Austausch freier Meinungen und Argumente besser und mutiger als bisher vor politischer Einflussnahme zu schützen. 

Zu den Erstunterzeichnenden gehören:

Simone Buchholz, Schriftstellerin
Robin Celikates, Professor für Philosophie, FU Berlin
Daniel Cohn-Bendit, Publizist, Politiker Bündnis 90/Die Grünen
Sonia Combe, Centre Marc Boch, Berlin
Julia Eckert, Professorin für Politische Anthropologie, Universität Bern
Daniel Eliasson, Politiker Bündnis 90 / Die Grünen
Deborah Feldman, Schriftstellerin
Dorothea Gädeke, Professorin für Politikwissenschaft, FU Berlin
Axel Honneth, Jack C. Weinstein Professor for the Humanities, Columbia University
Rahel Jaeggi, Professorin für Philosophie, Humboldt-Universität zu Berlin
Florian Kessler, Lektor des Hanser Literaturverlags
Hanno Loewy, Direktor Jüdisches Museum Hohenems, Literatur- und Medienwissenschaftler
Eva Menasse, Schriftstellerin
Susan Neiman, Direktorin Einstein Forum Potsdam, Philosophin
Mithu M. Sanyal, Schriftstellerin, Kulturwissenschaftlerin
Peter Ullrich, Soziologe und Kulturwissenschaftler
Michael Wildt, Historiker, Prof. em. Humboldt-Universität, Berlin 

Danke fürs Lesen bis hierher!

Herzlichst,

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