Alle Beiträge von Nirit Sommerfeld

Aufhören zu schweigen

Während ich mich letzte Woche über ein blödes Plakat in Berlin echauffierte, fand in Jerusalem die Beerdigung der palästinensisch-amerikanischen Journalistin Shireen Abu Akleh, 51, statt. Shireen wurde bei der Ausübung ihrer Arbeit erschossen. Sie und ihre Kollegen waren „mit Kameras bewaffnet“, wie ein Sprecher der israelischen Streitkräfte erklärte und dabei jede Verantwortung von sich wies.

Shireen Abu Akleh (1971 – 2022)

In Jerusalem läuteten lange alle Kirchenglocken der Stadt, als Shireens Sarg unter den Knüppeln der israelischen Polizei zu Grabe getragen wurde. Dem Trauerzug schlossen sich Tausende an; örtliche Medien berichten vom größten Begräbnis, das Jerusalem seit Jahren erlebt habe. In deutschen Medien gab es darüber meist verhaltene Berichte*. Darum will ich hier einige verlinken, die das Geschehen um den Mord und die Bestattung von Shireen Abu Akleh und deren Bedeutung beleuchten.

Zum Tod von Shireen Abu Akleh von Karin Leukefeld, freie Nahost-Korrespondentin
Tod einer Zeugin von Lea Frehse, ZEIT ONLINE (hier als PDF)
Start here von Aljazeera, TV-Beitrag (10 Min, Englisch) mit Recherchen eine Woche nach Shireen Abu Aklehs Tod
Video von Überwachungskameras im und am Krankenhaus (Facebook)

*Wenn Du wissen willst, was ich mit „verhaltene Berichte“ meine und warum in Deutschland mit extremer Vorsicht über alles berichtet wird, was mit Rechten von Palästinensern und Unrecht seitens Israel zu tun hat, dann empfehle ich unbedingt den Dokumentarfilm

ZEIT DER VERLEUMDER von Dror Dayan and Susann Witt-Stahl
(© 2021, 102 min., Engl./Deutsch mit UT)

auf YouTube anzuschauen. Mit dem oberen Link kannst Du den Film ab Sonntag, 22. Mai 22, ab Mitternacht für 24 Stunden kostenfrei ansehen. Hier der Trailer dazu:

Trailer zu ZEIT DER VERLEUMDER

Wir müssen aufhören zu schweigen, wenn Unrecht geschieht, und endlich anfangen, über die wirklich wichtigen Dinge zu sprechen. Um unnötiges Blutvergießen zu verhindern, um nicht noch mehr Schmerz und Verzweiflung zu schüren.
Ich weiß, ich wiederhole mich. Aber ich werde mich so lange wiederholen, bis es kein Unrecht zu beklagen gibt.
Ich weiß, das ist lang.

Herzlichst,

Bitte recht freundlich!

Vorgestern protestierte ich per Mail an die Senatsverwaltung in Berlin, weil sie die Aktion „Solidarisch gegen Hass“ mit einem hasserfüllten Plakat bewirbt und fördert. Das Plakat poste ich hier absichtlich nicht; es zeigt das Hinterteil eines Esels vor einer Wüste, bestückt mit Symbolen u.a. von Amnesty International, und fordert dazu auf, den „Antisemiten des Jahres“ zu suchen und ihn „in die Wüste zuschicken“.
Ich glaube daran, dass man schlimmen Dingen nicht zu viel Energie, Aufmerksamkeit oder gar eine Plattform bieten sollte. Auf meiner Website kann ich darüber bestimmen, was es zu sehen gibt und was nicht. Juhuuu.

Ich glaube aber auch daran, dass man sich gegen schlimme Dinge wie Hass, Ausgrenzung und Antisemitismus wehren muss, zumindest sich dagegen aussprechen sollte. Auch Du kannst tun, indem Du diese gerade gestartete Petition unterzeichnest; da kannst Du auch das Plakat des Anstoßes sehen. Oder Du verfasst eine ähnliche Mail wie meine hier unten eingefügte direkt an die Senatsverwaltung. Nur eine Bitte: Bleibe dabei recht freundlich. Mit Hass bekämpfst Du keinen Hass.

Am Freitag, den 13. wünsche ich Dir ein Glück bringendes, schönes, friedliches und freundliches Wochenende!

Herzlichst,

Sehr geehrte Ansprechpersonen zum Thema Antisemitismus in Berlin!
Die Berliner Senatsverwaltung unterstützt dieses Plakat,

(das hatte ich beigefügt, zeige es hier aber nicht)
auf dem das Hinterteil eines Esels mit einem gelben Judenstern zu sehen ist, daneben BDS und Amnesty International, mit der Aufforderung, den „Antisemiten des Jahres und seinesgleichen in die Wüste zuschicken“. Das verstehen Sie unter „Solidarität gegen Hass“?!?
Wie genau gedenken Sie, die Leute, die Sie da ausfindig machen wollen
und denen Sie offensichtlich schon mal vorab das Label „BDS, Judenstern, ai“ auf den (Verzeihung:) Arsch gedruckt haben, „in die Wüste zu schicken“? Ist das tatsächlich Ihr Verständnis von Demokratie, von einer pluralistischen Gesellschaft? Glauben Sie wirklich, dass man mit solchen Aktionen Hass reduziert — noch dazu bei einer Veranstaltung am Jahrestag der Nakba, an dem Millionen von Palästinensern weltweit und anerkanntermaßen ihrer Vertreibung von 1948 gedenken?
Ich protestiere in aller Vehemenz gegen dieses Plakat, das vor Hass und Entwürdigung nur so strotzt, und fordere Sie auf, endlich Maßnahmen zu unterstützen, die wirklich dazu geeignet sind, Antisemitismus zu bekämpfen, zu verhindern und irgendwann einmal zu beseitigen! Die „Kampagne aus Berlin“ ist nicht „solidarisch gegen Hass“, sondern bewirkt das genaue Gegenteil.
In Erwartung Ihrer baldigen Antwort verbleibe ich
hochachtungsvoll,
Nirit Sommerfeld

PS: Ich bekam umgehend eine Antwort vom Büro des Antisemitismusbeauftragten, das sich für den Hinweis auf das Plakat bedankte, von dem es wohl keine Kenntnis hatte. Mir wurde versichert, man teile mein „Unverständnis“ und meine „Empörung“ darüber und dass sich der „zuständige Ansprechpartner beim Berliner Senat“ dazu äußern werde. Das ist bisher nicht geschehen. 

Clowns. Putin. Frieden!

Morgen, Mittwoch, den 4. Mai 22, 19 Uhr, werde ich eine Online-Talkshow mit den Klinik Clowns moderieren. Was sie als Clowns in Kliniken tun, mit wem, wie und warum sie das tun, was sie bewirken und welchen vielschichtigen Beruf diese Profis im Clownskostüm ausüben, dem möchte ich im Gespräch mit ihnen und der Klinikleiterin des Hospizes Vilsbiburg auf den Grund gehen. Wenn Du dabei sein möchtest, kannst Du Dich heute noch zu der (kostenfreien) Online-Zoom-Veranstaltung anmelden unter talk@klinikclowns.de.
______________________________________________

Am 14. Mai eröffnet meine geschätzte Kollegin Ira Blazejewska in Berlin eine Ausstellung im Rahmen der Bayerischen Buchtage. Ich habe ihr Werk „Putin, Putin … 30 Portätbilder“ bereits vor einigen Jahren in München gesehen — besser gesagt: erlebt. Ira ist eine Allround-Künstlerin; sie malt, singt, performt, schreibt… und ihre Auseinandersetzung mit Putin ist auf jeden Fall sehens-, hörens- und erlebenswert. Karten gibt es HIER, und hier kannst Du Iras Blog und Website besuchen.
______________________________________________

Ein weiterer geschätzter Kollege, der Violinist Ferenc Kölcze, machte mich auf ein ganz besonderes Konzert, „The Armed Man“ aufmerksam, das am 15. Mai, 11 Uhr als Matinee in der Münchner Isarphilharmonie unter der Leitung von Andrea Fessmann stattfindet — mit einem riesigen Chor, mit Solisten, mehreren Orchestern und einem Muezzin. „The Armed Man“ wurde 2000 in London uraufgeführt; 2018 dirigierte der walisische Komponist Sir Karl Jenkins sein eigenes Werk in Berlin am 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs mit etwa 2.000 Chorsängern aus 27 Ländern und dem World Orchestra for Peace.
Für das Konzert in München können Karten OHNE Vorverkaufsgebühr per Email oder unter 08856-3695 reserviert werden. Mehr Infos HIER.
______________________________________________

Falls Du Dich fragst, ob das alles ist, was ich in der derzeitigen Kriegs- und Gewaltgeschwängerten Zeit zu sagen habe — ich fürchte, die Antwort ist: Ja. Viel mehr habe ich nicht zu sagen, außer: Mit Kunst und einem Angebot zu Dialog ist wohl kein Krieg zu stoppen, aber immerhin ist Kunst und Krieg nicht zu gleicher Zeit am selben Ort machbar. Kunst zu machen, also einen Dialog zu eröffnen, sei es in der persönlichen Begegnung von Mensch und Mensch, sei es zwischen Bild und Betrachter oder zwischen Darstellern und Zuschauern, ist derzeit alles, was ich zu bieten habe. Und ich biete alles. Alles, was ich habe.

Foto: Jens Heilmann

Herzlichst,

Was wenn

Was wenn Krieg ist
uns keiner geht hin (frei nach Bertold Brecht)

Was wenn es jetzt schon zu spät
was wenn alles Vertrauen geschwunden
was wenn die letzte Chance verspielt
was wenn Angst und Schmerz regiert
was wenn Flucht uns treibt
wenn Verletzung um Verletzung
ins Gedächtnis sich schreibt
von Generationen beerbt
was wenn Hoffnungslosigkeit
Sinnlosigkeit Verzweiflung Hass
Zukunft verschlingt?

Einen Baum pflanzen.
Ein Lied singen.
Eine Berührung schenken, ein Lächeln.
Auch wenn alles zu spät

Frohe Ostern
Ramadan Kareem
Chag Pessach sameach

Herzlichst,


Das böse A-Wort

Der Vorwurf wiegt schwer: Apartheid ist den Meisten aus Südafrika bekannt und mit Trennung von Weißen und Schwarzen assoziiert. Aber der Begriff ist seit 1973 im Völkerrecht klar und allgemein definiert als „unmenschliche Handlungen, die zu dem Zweck begangen werden, die Herrschaft einer rassischen Gruppe über eine andere rassische Gruppe zu errichten und aufrechtzuerhalten und diese systematisch zu unterdrücken“. Das Völkerrecht erklärt Apartheid zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

„Unsere Erkenntnisse und unsere Kritik richten sich nicht an das Jüdische Volk, sondern an den israelischen Staat.“
Philip Luther, Chef-Berater für Forschung und Politik, Amnesty International

Der Bericht, den Amnesty International (AI) am 1. Februar 2022 unter dem Namen „Israel’s Apartheid against Palestinians: Cruel System of Domination and Crime against Humanity“ (Israels Apartheid gegen Palästinenser: Ein grausames System von Herrschaft und Verbrechen gegen die Menschlichkeit) veröffentlicht hat, ist im Original auf Englisch verfasst. Die israelische Regierung beeilte sich bereits am Tag vor der Veröffentlichung, den Report als „Israel-hassend und antisemitisch“ zu diskreditieren; deutsche Medien und Institutionen folgten ebenfalls mit dem allseits ge- und missbrauchten Antisemitismus-Vorwurf. Nirgendwo konnte ich aber bisher auch nur ein einziges konkretes Argument gegen die Erkenntnisse und gut dokumentierten Fakten der AI-Studie finden. Niemand auf Seiten der Empörten bemühte sich zu erklären, warum wohl eine der größten, ältesten, wichtigsten Menschenrechtsorganisationen, deren Studien gegen Menschenrechtsverbrechen in China, Myanmar, Iran, Ungarn, Ägypten und anderen (ungeliebten) Staaten akzeptiert und zitiert werden, auf einmal von Antisemitismus heimgesucht sein soll. Manche entblöden sich sogar wie hier in der taz, Amnesty polemisch und mit Falschbehauptungen gespickt für tot zu erklären.

Auf Deutsch kann man hier eine gute Zusammenfassung lesen, sowie hier die Reaktion der deutschen Amnesty-Sektion. Wenn Du verstehen willst, worum es Amnesty International geht, ist dieses 15-minütige Erklär-Video sehr zu empfehlen:

Antisemitismus? Apartheid!

Ich finde es wichtig, die Dinge zu kennen, über die man eine Meinung äußert, daher verlinke ich oben die Original-Quellen von AI. Das Geschrei um den vermeintlich antisemitischen Hintergrund des AI-Berichts ist, wie bereits erwähnt, groß. Nichts in dem Bericht deutet jedoch darauf hin, dass irgend etwas darin sich gegen Juden richtet, weil sie Juden sind (das wäre per definitionem antisemitisch). Im Gegenteil: Nach eigenen Aussagen richtet sich die Kritik „…nicht an das Jüdische Volk, sondern an den israelischen Staat.“ AI sprach im Rahmen der Recherchen „mit Vertretern palästinensischer, israelischer und internationaler Nichtregierungsorganisationen (NRO), einschlägiger UN-Organisationen, Juristen, Wissenschaftlern, Journalisten und anderen relevanten Akteuren. Darüber hinaus führte Amnesty International eine umfassende rechtliche Analyse der Situation durch und holte auch den Rat externer Experten für internationales Recht ein.“.

Ein echter Kenner der Situation vor Ort dürfte der ehemalige israelische Richter und Staatsanwalt Michael Benyair sein. Heute erschien sein Gastbeitrag in der Frankfurter Rundschau (unten als PDF). Auch er verwendet das böse A-Wort ‚Apartheid‘ für die Zustände zwischen Mittelmeer und Jordan und ruft die internationale Gemeinschaft zum Handeln auf. Ob auch er in den Augen all jener, die Judenhass bekämpfen wollen, ein niederzubrüllender Antisemit ist? Hierzulande kann man entweder kaum etwas lesen und hören zum AI-Bericht, oder der Report wird von A bis Z harsch zurückgewiesen: vom Auswärtigen Amt, der Bundesregierung, den Antisemitismus-Beauftragten bis hin zu Jüdische Allgemeine, Spiegel, taz, der Tagesschau und dem Zentralrat der Juden, der gar die Rückgabe des Friedensnobelpreises von Amnesty International fordert. Vermutlich folgen sie alle dem Narrativ von Israels Außenminister, demzufolge der Bericht von Lügen gespickt sei, die von Terrororganisationen verbreitet würden. Glaubt von diesen Leuten irgendjemand ernsthaft, dass Hass und Gewalt gegen Juden in Deutschland und der Welt weniger wird, wenn die Gewaltherrschaft Israels gegen die Palästinenser vertuscht wird? Wäre Israel willens, eigenes Unrecht anzuerkennen und aufzuheben, wäre ein erster Schritt in Richtung Frieden und weniger Antisemitismus in der Welt denkbar.

Worum geht es faktisch?

Im vorliegenden Bericht wird der Begriff der Apartheid im Internationalen Recht erklärt, vor allem die Unterdrückung und Herrschaft einer ethnischen Gruppe über eine andere. Dann wird die konkrete staatliche Unterdrückung und Herrschaft seitens Israels über die Palästinenser beschrieben, ebenso die unterschiedlichen Unterdrückungsstrukturen und -mechanismen, denen Palästinenser innerhalb Israels und in den Palästinensischen Besetzten Gebieten (OPT) ausgesetzt sind, sowie gegenüber palästinensischen Flüchtlingen. Weitere Punkte sind u.a. die Verweigerung des Rechts auf gleiche Staatsangehörigkeit und gleichen Status, die Einschränkung der Bewegungsfreiheit als Mittel zur Kontrolle von Land und Leuten, die Trennung von Familien durch diskriminierende Gesetze, die diskriminierende Zuweisung von enteignetem palästinensischem Land für jüdische Siedlungen, Hauszerstörungen, Administrativhaft, Folter, rechtswidrige Tötungen und schwere Verletzungen — um nur einige der Punkte der Studie zu nennen. Selbstverständlich finden sich im Bericht zahlreiche Quellenangaben.

Was nun, was tun?

Viele der Erkenntnisse haben andere Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch oder B’tselem auch schon benannt; das Besondere an der AI-Studie ist die Aufforderung an die Weltgemeinschaft, dieses Unrecht nicht mehr hinzunehmen. Mal sehen, wie die Weltgemeinschaft reagiert. Und wie wir uns als Individuen dazu verhalten. Hier kannst Du die AI-Petition Apartheid zerstören, nicht Häuser unterzeichnen.

Herzlichst,

Mut und Wut

Eva Menasse, leuchtender Stern am zeitgenössischen Literatenhimmel —  sprachgewaltig, intelligent, pointiert, sachkundig, geschichtsbewusst — hat in der unseligen Antisemitismusdebatte gerade ein Erdbeben ausgelöst. „Menasse drops a bomb“, wie die Journalisten-Kollegin Emily Dische-Becker treffend twittert: Mit ihrem heute erschienenen Gastbeitrag Die Antisemitismus-Debatte ist eine fehlgeleitete, hysterische Pein (hier als PDF) in der ZEIT beweist Eva Menasse Mut, weil sie die verlogene, absichtlich fehlgeleitete Debatte um die angeblich Israel- oder selbsthassenden Kritiker (und -innen) Israelischer Siedlungspolitik kenntnisreich seziert und Ross und Reiter nennt. Ihre Wut darüber verbirgt sie nicht.

Diese teile ich mit ihr: Ich selbst war nun jahrelang von faktischen Auftrittsverboten betroffen, was auf die BDS-Beschlüsse von München und anderer Städte, schließlich auf den BDS-Beschluss des Bundestages beruhte. Zur Erinnerung: Die BDS-Kampagne (Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen gegen Israel), eine in Deutschland rein zahlenmäßig marginale Bewegung, die aber immerhin die Diskussion über israelische Siedlungspolitik hierzulande anzufeuern vermochte, wurde (aus meiner Sicht fälschlicherweise) als antisemitisch eingestuft und somit allein eine „Befassung“ mit ihr in öffentlichen Räumen verboten. Dies ist nun am 20.01.2022 vom Bundesverwaltungsgericht in Leipzig höchstrichterlich als verfassungswidrig verurteilt worden. Zu Deutsch und ganz praktisch: Es ist nicht mit unserer Verfassung vereinbar, Menschen wie mir Räume und Redefreiheit zu verweigern, weil man mir eine Nähe (!) zu BDS unterstellt. Ja, allein diese Behauptung hat in den letzten Jahren genügt, um Veranstalter davon abzubringen, mir eine Bühne zu geben. Die Frage, ob ich mich an Boykottmaßnahmen gegen Israel beteilige oder ob ich für Sanktionen werbe, ist dabei nie gestellt worden. Auch nicht die Frage, wie ich mich als Tochter eines Holocaust-Überlebenden, als Enkelin eines im KZ Ermordeten fühle, wenn man mich des Antisemitismus bezichtigt oder auch nur die Nähe dazu andeutet. Zu peinlich wäre ihre Beantwortung gewesen.

Wir gedenken in diesen Tagen der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 77 Jahren, sollten uns aber auch an die Wannsee-Konferenz erinnern, in der vor 80 Jahren die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ besiegelt wurde. Die gesteuerten Denkprozesse, die Angst vor falschen Aussagen, die bereitwillige Anpassung der eigenen Meinung entgegen besseren Wissens und Gewissens und damit die Gleichschaltung aller Instanzen, die im hier verlinkten Spielfilm genauestens beobachtet werden können —  diese Mechanismen sollten uns aufhorchen lassen. Der Blick in die Vergangenheit sollte unseren Blick in die Gegenwart schärfen. Hier kann ich nur Eva Menasse zitieren: 
„Gibt es (kruden, brutalen, lebensgefährlichen) Antisemitismus? Ja, und nicht zu knapp. Er ist, wie aller Hass, dank der asozialen Medien exponentiell gewachsen. (…) Aber nicht nur der vervielfältigte Hass (der direkt zu Verbrechen wie in Kassel, Hanau, Halle führt) explodiert uns unter der Hand, sondern auch ein völlig irregegangener Moralismus aus ähnlich trüb-digitalen Quellen. (…) Beim Kampf gegen strafrechtlich relevanten Antisemitismus hingegen bringt Deutschland bisher kaum den politischen Willen auf, den Herbert Reul, Innenminister von NRW, gegen Kinderpornografie so eindrucksvoll bewies: ordentliche Polizeiarbeit, entschlossene Strafverfolgung, schnelle Prozesse.“
Stattdessen, so Eva Menasse weiter, fiel man über die Initiative Weltoffenheit her und diskreditierte damit die „wichtigsten Kultur- und Wissenschaftsinstitutionen (Goethe-Institut, Haus der Kulturen der Welt, Moses-Mendelssohn-Zentrum, Wissenschaftskolleg, Zentrum für Antisemitismusforschung, Bundeskulturstiftung und viele mehr), wodurch „keine einzige antisemitische Straftat“ verhindert wurde. Es wird Zeit, dass sich das ändert.

Ändern wird sich nach dem Leipziger Urteil auch, dass Raumverbote für Menschen, die sich kritisch und konstruktiv mit einer Verbesserung der israelischen Politik (und Deutschlands Beitrag dazu) befassen wollen, so wie ich das gerne wieder in öffentlichen Räumen tun würde, der Vergangenheit angehören. 

Oder vielleicht doch nicht? Muss ich, da die populären Akteure im lauten Moralkampf gegen Antisemitismus das Leipziger Urteil „bedauern“ und für einen „Schlag gegen die Demokratie“ halten, mit erneuten juristischen Kniffen rechnen, die uns weiterhin behindern werden? Und darf ich mal nachfragen, ob ich für fünf Jahre entschädigt werde, in denen ich in München und andernorts in Deutschland faktisch von einem Rede- und Auftrittsverbot in öffentlichen Räumen betroffen war? In denen mir als Künstlerin Förderungen verweigert wurden, weil „uns die Hände [auf Grund der BDS-Beschlüsse] gebunden sind“, wie ich nicht selten zu hören bekam? Wird es dafür zumindest eine Entschuldigung geben, wird das irgend jemand bedauern, nachdem das höchste deutsche Gericht in dieser Sache festgestellt hat, dass wir im Widerspruch zum Grundgesetz, Artikel 5, unserer Meinungsfreiheit beraubt wurden? 

Ich bin gespannt. Und freue mich — nein, nicht auf ein (analoges) Wiedersehen, denn Auftritte sind aus bekannten Gründen nicht geplant — diesmal freue ich mich auf Eure (digitalen) Rückmeldungen.

Herzlichst,

Vom Glück, mit Tieren zu leben

Guten Morgen am vierten Tag des neuen Jahres 2022. Bei meinem Sylvesterspaziergang oberhalb des Lago di Lugano ließ ich das alte Jahr revue passieren, spürte die ungewöhnlich warme Wintersonne auf meinem Gesicht und den Schmerz vieler Abschiede im Herzen, die mir das alte Jahr beschert hatte.

Ich musste mich von Orten, Menschen, Gewohnheiten und Gewissheiten verabschieden (wir wir alle), von Konzerten und Reisen, die maßnahmenbedingt nicht stattfinden durften. Ich musste auch für immer Abschied nehmen von drei Tieren, die mir auf sehr unterschiedliche Weise ans Herz gewachsen waren. Im Mai hatte ich einen aus dem Nest gefallenen jungen Star aufgezogen. Ich nannte ihn Punky, fütterte ihn mit den ekligsten Insekten, ließ ihn beim Abspülen in meinen Händen baden, kurz: wir verstanden uns prächtig. Unmittelbar nachdem ich ihn freigelassen hatte, wurde er von einem Bussard geschnappt, vor meinen Augen. Seine Schreie blieben mir lange im Ohr. Im Juni starb unsere alte Hündin Bobby; immerhin hatte sie 16 gute Hundejahre mit uns verlebt, aber ihr Sturz aus dem fünften Stock — sie hatte sich durch die Gitterstäbe einer Balkontüre gezwängt — war doch ein spektakulär-dramatisches Ende.

Und schließlich Lila, mein Enkelhund, wie ich sie immer nannte. Meine Tochter Stella hatte sie 2019 aus Guatemala mitgebracht, wo sie ein Jahr mit ihr gelebt hatte, und ich durfte sie seither immer wieder hüten, wenn Stella unterwegs war. Mit Lila verbrachte ich zuletzt zwei herrliche Herbstwochen im Bayerischen Wald, wo sie geduldig neben mir lag, wenn ich schrieb; wo wir stundenlange Wanderungen machten und abends gemeinsam das Treiben der Mäuse in der alten Bauernstube beobachteten. Bei unserer Rückkehr freundete sie sich sofort mit der kleinen Katze Maeve, auch Kürbis genannt, an, die in unserer Abwesenheit hier ein neues Zuhause gefunden hatte. Als kurz darauf die Diagnose feststand — Mastzellentumor — hatte die vierjährige Lila noch eine Woche zu leben. Ich vermisse sie täglich, überall.

Stella schrieb am Tag nach Lilas Tod in ihrem Blog diesen traurig-tröstlichen Text. (Wenn Du nicht gerne Englisch liest, benutze deepl.com zum Übersetzen.)

Mir und uns allen wünsche ich für das Neue Jahr Glück und Gesundheit für uns selbst und unsere Liebsten (Tiere wie Menschen), hoffnungsfrohere Aussichten, weniger Beschränkungen und vor allem wieder mehr Offenheit, Achtsamkeit, Gelassenheit und Freundlichkeit, mehr Toleranz und Respekt gegenüber Andersdenkenden, weniger Polarisierung, viele echte Begegnungen mit echten Umarmungen und Gesprächen vis-à-vis (ja, von Angesicht zu Angesicht, auch wenn Zoom ne tolle Erfindung ist). Lasst uns achtsam sein und unsere Ängste ablegen! Was kann schon schlimmstenfalls passieren? Eben.

Herzlichst,

Fürch-te-het Eu-heu-ch niiicht!

„Fürchtet Euch nicht!“, so heißt es in einem berühmten deutschen Weihnachtslied — eine Aufforderung, die in diesen Tagen nicht hoch genug geschätzt werden kann. Auch ich würde Euch gerne ermutigen, Euch im wahrsten Sinne Mut zusprechen, Eure Furcht vertreiben in diesen schwierigen Zeiten, in denen wir alle mit Ängsten und Zweifeln ringen.

Ein Mut-Rezept habe ich nicht, auch nicht eine Anti-Furcht-Medizin; allein mit Geschichten und Musik kann ich meinen kleinen Beitrag dazu leisten, „die Dunkelheit zu vertreiben aus den Häusern und Herzen“, wie es mein Großvater Julius in unserer Jiddischen Weihnacht fordert. Wir werden, das steht nun fest, am kommenden Dienstag, den 7. Dezember um 20 Uhr dieses Programm im Münchner Prinzregententheater spielen. Wir müssen uns natürlich an die neuen Maßnahmen halten (2G plus, Maskenpflicht und maximal 25% Platzbelegung), aber wir werden unser Bestes geben, um allen Anwesenden einen wunderbaren Abend zu bereiten. Es sind uns durch die Umverteilung der Sitze noch einige Tickets zugeflossen, so dass wir Euch noch einige wenige Plätze — im ganzen Saal verteilt — anbieten können. Diese kannst Du per Mail an jw-tickets@gmx.de bestellen.

UND: Wir werden das Konzert filmen, damit auch all jene, die nicht kommen können (und natürlich auch all jene, die die Jiddische Weihnacht sich selbst oder anderen schenken möchten), sich die Konzert-Lesung später als Stream oder DVD ansehen können. Um dieses Projekt zu verwirklichen, brauchen wir noch einige Sponsoren! Alle Infos hierzu und wie Du Dir mit dem Sponsoring sogar Tickets sichern kannst, findest Du HIER.

Hier noch ein kleiner Appetitanreger zum Mutmachen…

Zusammen mit Helmut Becker, dem ORCHESTER SHLOMO GEISTREICH und unserer (sehr mutigen!) Veranstalterin Gabi Sabo von Mehr Kultur e.V. freue ich mich sehr auf unser Wiedersehen!

Herzlichst,

Wir spielen – wenn Ihr kommt!

Das Prinzregententheater verfügt über eine Belüftungsanlage, die alle 12 Minuten die gesamte Saalluft durch Frischluft austauscht. Da wir nur noch ein Viertel der Plätze besetzen dürfen, wird es viiiel Platz und viiiel Abstand im Zuschauerraum geben. Einige Karten gibt es noch, die Du Dir am besten jetzt sofort sicherst: Suche Dir im Saalplan die Kategorie aus und bestelle die gewünschte Anzahl der Tickets per Mail an jw-tickets@gmx.de. Oder sichere Dir Karten, indem Du unser Videoprojekt sponserst! Alle Infos HIER.
Falls die Veranstaltung dennoch kurzfristig abgesagt werden sollte, bekommst Du garantiert die Eintrittskarten zurückerstattet.

Wir sehen uns — so der Corona-Gott es will und Du am besten heute noch Karten bestellst — in zwei Wochen! Wir werden da sein.

Herzlichst,

Zeit zum Stollenbacken

Heute in drei Wochen ist es soweit: Um 20 Uhr geht das Licht im Zuschauerraum aus und unsere Vorstellung Jiddische Weihnacht beginnt im Münchner Prinzregententheater. So stellen wir uns das jedenfalls vor, so erhoffen wir uns das und wir arbeiten seit langem daran, dass es auch Wirklichkeit wird.

Jiddische Weihnacht
Vom Brückenbauen und Weitermachen

Konzert-Lesung mit

NIRIT & ORCHESTER SHLOMO GEISTREICH
Erzähler: Helmut Becker

Dienstag, 7. Dezember 2021, 20 Uhr
Prinzregententheater München

VVK: MünchenTicket oder
direkt beim Veranstalter (gebührenfrei) per Mail an jw-tickets@gmx.de
*Sollte die Jiddische Weihnacht wegen COVID abgesagt oder verschoben werden, melden wir uns wegen eines Ersatztermins oder einer Erstattung des Ticketpreises.

Hier schon mal ein kleiner Appetitanreger…

Auch wenn wir die Zukunft nicht voraussagen können: Wir sind immer noch zuversichtlich, dass Veranstaltungen nicht abgesagt werden und dass mit 2G-Regelung unsere Konzert-Lesung stattfinden kann.

Du willst uns dabei helfen, die Jiddische Weihnacht Wirklichkeit werden zu lassen? Dann reserviere schnellstmöglich Tickets zu gebührenfreien Preisen per Mail an jw-tickets@gmx.de (hier der Saalplan mit Kategorien und Preisen). Außerdem planen wir einen Live-Mitschnitt der Vorstellung, den wir ab nächstem Jahr zur Verfügung stellen wollen. Aber wir brauchen noch jede Menge Unterstützung! Daher lade ich Dich herzlich ein, unser Video-Projekt zu sponsern. Bereits ab einem Beitrag von 100 € verewigst Du Dich im Abspann und bekommst eine DVD mit viel Extra-Material. Hier kannst Du Dir Dein Lieblingspaket aussuchen.
______________________________________________

In der Jiddischen Weihnacht spielt mein Großvater Julius eine wichtige Rolle; er war ein emanzipierter Jude, der zu Weihnachten durchaus mal einen Weihnachtsbaum aufstellte — selbstverständlich mit Davidsternen dekoriert. Seine Frau Margarete, meine Großmutter, kochte angeblich vorzüglich, sei es Gefilten Fisch oder eine Weihnachtsgans. Legendär war Margaretes Chemnitzer Stollen, den meine Mutter ausschließlich nach den Erinnerungen Meiners Vaters nachbuk: Er beschrieb ihr minutiös, wonach es ab Anfang November der 1920er Jahre im Hause Sommerfeld am Antonplatz 15 in Chemnitz duftete, wenn Margarete Dutzende Stollen buk, sie dann wochenlang zwischen den Fensterscheiben reifen ließ, um sie in der Chanukka- und Weihnachtszeit an Freunde und Verwandte zu verschenken.

Meinen Großeltern zu Ehren habe ich vor einigen Jahren dieses Video gemacht; wenn auch Du Margaretes Stollen backen willst, findest Du hier das Rezept dazu.

Wir sehen uns in drei Wochen im Prinzregententheater!
Bis dahin eine gute Zeit,
herzlichst