Als ich 2009 mein Geburtsland Israel verließ, nahm ich den Auftrag meiner Freunde von dort mit: „Erzähle, was hier passiert! Erzähle, was die Besatzung mit den Palästinensern macht, aber erzähle auch, was sie mit unserer Gesellschaft macht!“. Damals konnte ich nur ansatzweise vermitteln, wie die Israelis sich immer mehr veränderten: von einer (jedenfalls scheinbar) demokratischen, freiheitlichen, offenen Gesellschaft in eine, die zunehmend abstumpft gegen ihr eigenes Handeln in Bezug auf das menschliche Leid, was um sie herum passiert und was sie selbst verursacht. Es passiert durch eine zunehmend rechtsradikale bis faschistoide Politik, die Hand in Hand geht mit einer Militarisierung, die es immer schon gegeben hat und die niemals von Moral, sondern immer nur von hegemonialen, imperialen, territorialen Interessen getrieben war, unterfüttert mit einer Mischung aus Angst, Opferbewusstsein und Auserwähltseins-Vorstellungen.
Allerdings gab es damals, 2009, schon Filme wie „Waltz with Bashir“, der die Traumatisierung eines israelischen Soldaten durch Kriegseinsätze thematisiert. Damals hatte ‚Breaking the Silence‘ gerade begonnen, Zeugnisse ehemaliger Soldaten aufzuzeichnen, die über ihre unmoralischen, menschenverachtenden Einsätze in den Palästinensischen Besetzten Gebieten berichteten. Damals schon machte das Zauberwort „Posttraumatische Belastungsstörung“ auch in meiner Familie die Runde, anfangs noch verschämt, später fast als Aushängeschild verwendet für den eigenen Schmerz, die eigene Unfähigkeit, sich z.B. an diesem oder jenem gesellschaftlichen Ereignis zu beteiligen. „Sorry, mein Mann kann nicht mitkommen zu dem Treffen mit deinen palästinensischen Freunden. Er hat Post-Trauma.“
Solche Sätze und noch deutlicher dramatischere wird man in Israel in Zukunft oft und von vielen jungen Menschen hören. „Ich habe meiner Mutter versprochen, es nicht zu tun, aber am liebsten würde ich mich umbringen.“, sagt ein junger Soldat, der in Gaza als Zuschauender an Folterungen und Hinrichtungen beteiligt war. Die einzig verbliebene ernstzunehmende israelische Tageszeitung Ha’aretz hat gerade eine Reportage veröffentlicht, die in den sozialen Medien hohe Wellen schlägt.

Darin berichten Soldatinnen und Soldaten, welchen entsetzlichen Erniedrigungen, Folterungen, Verwundungen und Tötungen sie beigewohnt oder sie selbst vollzogen haben, von denen sie fürchten, dass sie sie ihr Leben lang verfolgen werden.
Illustration: Shumisat Rasulaeva (Screenshot aus Ha’aretz)
Hier kannst Du den ganzen Bericht auf Englisch online lesen und hier als PDF. Wo führt das hin, wenn ganze Generationen durch Kriege und Kriegsverbrechen derart zerstört werden? Wie kann ein solcher Staat bestehen bleiben?
Um Missverständnissen von vorneherein zu begegnen: Diese jungen Israelis, die hier wirklich und entsetzlich unter ihrer eigenen Taten leiden, sind Folgeopfer der israelischen Regierungs- und Militärpolitik und Opfer ihres eigenen Handelns. Die ersten, direkten Opfer der beschriebenen Grausamkeiten sind und bleiben die Palästinenser. Die wenigsten von ihnen haben die Möglichkeit, über ihre Traumata und ihr Leid zu sprechen oder es gar ansatzweise zu heilen.
Umso beeindruckender ein weiterer Bericht in Ha’aretz: Immer mehr Israelis und Palästinenser trauern gemeinsam beim Joint Israeli-Palestinian Memorial Day.
Wie absurd, ja lächerlich mutet es da an, wenn wir hier in Deutschland über Sprechverbot und heuchlerische Antisemitismus-Verleumdungen lamentieren und unsere Zeit damit verschwenden, anstatt etwas dafür zu tun, damit das Leid ein Ende nimmt?! Indem wir zum Beispiel die Petition zur Aussetzung des EU-Assoziierungsabkommens mit Israel unterschreiben, wie hier von amnesty international gefordert.
Nichtsdestotrotz will ich auf unsere Crowdfunding-Kampagne aufmerksam machen, damit wir unsere Tacheles-Gespräche auf dem Goldenen Sofa wie geplant durchführen und bald auch per Video streamen können. Hier die neuesten Beiträge dazu:
mdr Radio: Jüdische Community Chemnitz streitet über Extremismus-Vorwürfe
taz: Sachsens „Jahr der jüdischen Kultur“: Zu viel Tacheles
BEDUINENMILCH auf Lesereise
Gestern war ich vormittags und abends im Albertus-Magnus-Gymnasium in Regensburg und habe eine großartige Schülerschaft kennengelernt (und auch tolle Lehrerinnen und Schulrektor!).
Mittwoch Abend, 22.4., 20 Uhr in Dingolfing:
Kulturini in Dingolfing Obere Stadt 72
Freitag Abend, 24.4., 20 Uhr in München:
KLANG IM DACH
c/o Christoph Nicolaus und Rasha Ragab
Zieblandstr. 45; V. Stock, München-Maxvorstadt
Anmeldung: nicolaus@kunst-im-bau.org
Samstag, 2. Mai, 18 Uhr in Berlin:
KunstStücke Grunewald
c/o Konrad und Gaby Kutt
Trabener Str. 14b, 14193 Berlin
Anmeldung: konrad@kutt.de
Sonntag, 3. Mai, 14 Uhr in Berlin:
Beduinenmilch trifft Fiktive Grenzüberschreitung
zusammen mit Ruben Schenzle
Amerika-Gedenkbibliothek
Blücherplatz 1, 10961 Berlin
ohne Anmeldung – einfach vorbeikommen!
Ich freue mich auf’s Wiedersehen! Herzlichst,




























