Ein süßes Neues Jahr!

Im jüdischen Kalender nahen die Hohen Feiertage, beginnend am Abend des 25. September — dies ist tagsüber nach dem jüdischen (Mond-)Kalender der 29. Elul (eine gar nicht so schlechte Erklärung dazu gibt’s auf Wikipedia), und ab Sonnenuntergang ist es bereits der 1. Tischri. Ja, unser Kalender geht nach dem Mond, unsere Monate haben andere Namen und ein neuer Tag beginnt nach jüdischer Auffassung in dem Moment, in dem der alte Tag zuende gegangen ist, sprich: unmittelbar nach Sonnenuntergang. Ich finde, das hat durchaus eine Logik, eigentlich mehr als die Festlegung auf eine Uhrzeit, die einfach beliebig auf 24:00 Uhr bestimmt wurde. Zum Beginn des Neuen Jahres tunken wir Äpfel in Honig und wünschen uns Shana tova u’metuka: ein gutes und süßes neues Jahr. Traditionell gibt es in unserer Familie ein großes Festessen, auf dem Tisch stehen Schälchen mit symbolischen Speisen wie ausgelöste Granatapfelkerne oder Sesam, die uns sagen sollen: So unzählig viel Gutes soll uns im kommenden Jahr widerfahren wie Körner in diesen Schüsseln sind. Ein schöner, ein notwendiger Wunsch, in diesem Jahr ganz besonders.

Ob das Neue Jahr, also das Jahr 5783 nach unserer jüdischen Zeitrechnung, nun wirklich im September beginnt oder doch eigentlich im Frühjahr, wie gewisse orthodoxe jüdische Kreise oder auch die Samaritaner aus Nablus behaupten — sie sehen sich als die reinste und seit Jahrtausenden unveränderte, ursprünglichste jüdische Gemeinschaft der Welt und sie leben friedlich mit ihren palästinensischen Nachbarn auf einem der Hügel von Nablus — darüber herrscht innerhalb des Judentums keine Einigkeit, darüber wird sogar trefflich gestritten. Uneinigkeit unter Jüdinnen und Juden herrscht natürlich auch zu anderen Themen, zuvorderst beim Thema des ‚jüdischen‘ Staates Israel und seiner Politik gegenüber den Palästinensern. Leider kommuniziert der Staat Israel in die Welt hinaus, dass er im Namen aller Juden weltweit spricht und agiert, was de facto aber nicht der Fall ist. Darum geben Organisationen wie die US-amerikanische Jewish Voice for Peace oder der deutsche Verein Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost, dessen Mitglied ich bin, immer wieder die Parole heraus „Nicht in unserem Namen!“.

Das Judentum ist eine jahrtausendealte Religion mit hohen moralischen und humanistischen Werten und mit Millionen von unterschiedlichsten Interpretationen der alten Texte. Wen wundert’s, dass es da unterschiedliche Meinungen und Sichtweisen innerhalb jüdischer Kreise auch bezüglich Israel und seiner Politik gibt?! Leider wird das in Deutschland häufig ignoriert. Daher sage auch ich immer wieder: „Nicht in meinem Namen!“ Jüdische Stimmen dürfen divers sein! Ich darf, ich muss mich als israelische Jüdin kritisch zur Politik meines Staates äußern, besonders wenn ich meine (jüdischen und humanistischen) Werte verraten sehe. Am Ende dieses Briefes zeige ich anhand von drei ausgewählten aktuellen Beispielen, warum.
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NICHT IN MEINEM NAMEN heißt auch ein Song von Bodo Wartke. Seit 2001 sind wir befreundet — damals waren wir beide Preisträger bei Songs an einem Sommerabend im Kloster Banz. In meinem SHLOMO-GEISTREICH-Programm Nicht ganz kosher! durfte ich seinen Song und eine Szene von ihm, den Götterdialog, einbauen.
Bodo feiert sein 25-jähriges Bühnenjubiläum am 3. Oktober um 19 Uhr im Circus Krone Bau in München. HIER gibt’s noch Karten.
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VOM KALTEN FRIEDEN ZUM HEISSEN KRIEG

Auf diese Veranstaltung an Erev Rosh haShana — zu Deutsch: Neujahrsabend — freue ich mich ganz besonders: Allen Bemühungen verschiedener Akteure zum Trotz ist es niemandem gelungen, weder mich noch den Veranstalter ‚Verein Ulmer Weltladen‘ von den Ulmer Friedenswochen auszuschließen. Stattdessen präsentieren wir uns hochkarätig:
Am kommenden Sonntag, den 25. September um 17 Uhr findet im Rahmen der Ulmer Friedenswochen ein Podiumsgespräch mit zwei von mir hochgeschätzten Persönlichkeiten statt: Prof. Norman Paech und Prof. Horst Teltschik werden sich unter dem Titel Vom kalten Frieden zum heißen Krieg zum brisantesten aktuellen Thema austauschen; ich werde das Gespräch moderieren. Beide Herren sind erfahrene Weltpolitik-Kenner; bei aller Unterschiedlichkeit eint sie der unerschütterliche Wunsch nach einer friedlichen Welt. Es ist geplant, die Veranstaltung über meinen YouTube-Kanal live zu streamen.
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Hier nun drei Texte zu israelischer und auch deutscher Israel-Politik, die mir in den letzten Tagen besonders aufgefallen sind; ich habe sie mit der Übersetzungssoftware deepl.com übersetzt und nicht redigiert — der Sinn und Inhalt lässt sich auch so leicht erfassen. Darüberhinaus empfehle ich Nahost-Interessierten den BIP-Newsletter zu abonnieren. Dort findest Du immer bestens recherchierte Artikel zu aktuellen Themen und Ereignissen in Israel und Palästina; Nachrichten, die man ansonsten in anderen Medien leider vergeblich sucht.
Hier nun meine Auswahl:
1. Lügen als Strategie, deutsch (englisch in Haaretz vom 14.9.22)
2. Israels Filmindustrie (+972, deutsch und englisch)
3. Zur documenta fifteen habe ich mich ja bereits im vorletzten Blogeintrag geäußert. Hier das Schreiben der beteiligten Künstler; ich kann ihre Frustration, ihre Wut und ihr Gekränktsein vollkommen nachvollziehen. In der ARD gab es diesen Beitrag zur documenta, der immerhin einige sonst selten gehörte Stimmen zu Wort kommen lässt.
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Für Schnellentschlossene: Wer heute Abend einer interessanten Diskussion beiwohnen möchte unter dem Titel „Wie weiter in Nahost?“, kann sich beim Gustav-Stresemann-Institut für die Online-Teilnahme anmelden.

Ich freue mich aufs Wiedersehen — am Sonntag um 17 Uhr live in Ulm oder online!

Herzlichst,

Vater im Himmel…?

Heute vor 42 Jahren ist mein Vater gestorben. In jener Nacht von Dienstag auf Mittwoch im Jahre 1980 tat er seinen letzten Atemzug in unserer kleinen Wohnung in einem Münchner Vorort. Ich versuchte ihn noch zu beatmen, wie ich es im Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein gelernt hatte, aber es war vergebens. Meine Mutter rief den Notarzt erst, als sie sicher sein konnte, dass sie ihn nicht mehr in ein deutsches Krankenhaus bringen würden, dem sie nicht vertraute. Er war nicht am Krebs gestorben, sondern an einer fahrlässig falschen Behandlung unseres damaligen Hausarztes. Jahre später begriff ich, dass der Arzt damals schon ein Alkoholproblem hatte. Mir als Jugendliche kam er einfach nur besonders lässig vor. Mittags bekam ich mein Jahreszeugnis der 12. Klasse — warum ich damals zur Schule fuhr, weiß ich nicht mehr, ich kann mich nur daran erinnern, dass ich vor dem Lehrerzimmer zusammenbrach und dass es mir ganz wichtig war, das Zeugnis zu bekommen und mit diesem unglücklichen Schuljahr abzuschließen.

Der frühe Tod meines über alles geliebten Vaters Rolf hat mich so geprägt wie wenige andere Ereignisse meines Lebens. Er hinterließ nicht nur meine damals 43-jährige Mutter und mich — zwei (aus meiner heutigen Sicht junge) israelische Frauen in Oberbayern, sondern auch eine riesige Lücke mit zahllosen unbeantworteten Fragen. 1919 in Chemnitz als Sohn vermögender jüdischer Eltern geboren, wurde er 1935, im Todesjahr seiner Mutter Margarete, als „Saujude“ vom Gymnasium geworfen, weil er es gewagt hatte, im 100-Meter-Lauf schneller zu sein als sein Klassenkamerad, ein strammer Hitlerjunge. Rolfs Vater — mein Großvater Julius, dem ich mein Winterprogramm Jiddische Weihnacht gewidmet habe — schickte ihn in ein Internat in die Nähe von Genf, wo er bis zu seiner Flucht nach Palästina 1937 noch eine erstaunlich glückliche Jugend verbrachte, was sicherlich dem außergewöhnlichen Konzept der Internatsschule Ecole d’Humanité zu verdanken war. Der universelle Humanismus, der meinem Vater in den zwei Schuljahren in dem kleinen Schweizer Paradies inmitten des immer höllendüster werdenden Mitteleuropa von 1935-37 beigebracht wurde, sollte sein ganzes Leben und später auch meine Erziehung prägen.

Um das Leben meines Vaters von seiner Ankunft in Haifa, Palästina, im Sommer 1937 — er 18, meine Mutter gerade in Jerusalem geboren — bis zu seiner ‚Sesshaftwerdung‘ in Eilat am Roten Meer Mitte der 1950er Jahre (immerhin hielt er es dort rund zehn Jahre aus), wo meine Eltern sich später kennenlernten und wo ich Anfang der 60er geboren wurde, ranken sich einige Geschichten. Für mein Buch habe ich dazu recherchiert, wo ich nur konnte: Im Archiv der Palmach in Tel Aviv (Rolf gehörte jahrelang der Kampfeinheit der Untergrundorganisation Hagana an), im Hagana-Museum, in Familienalben, bei Freunden und Verwandten. Und ich habe in meinem Gedächtnis gekramt und habe in langen, stillen Stunden mit mir selbst eine Art Gedächtnisprotokoll niedergeschrieben — Gespräche, die mein Vater und ich in tiefnächtlichen oder frühmorgendlichen intimen Stunden führten, wenn meine Mutter und die Welt um uns herum schon oder noch schlief und er mir einige seiner Geheimnisse anvertraute. Leider weiß ich dennoch viel zu wenig über den Mann, der mein Vater war, dessen Familie von den Nazis verjagt oder ermordet wurde, der in seinen ersten Jahren in Haifa nur weg wollte aus „diesem Orient, aus dem sie versuchen, ein Europa zu machen, doch es wird ihnen nie gelingen.“; so schrieb er es 1938 in einem Brief an seine Schweizer Schule. Und der 1970 in einem zweiten Versuch, in Deutschland wieder Fuß zu fassen, in der oberbayrischen Kleinstadt Ebersberg bei München hängenblieb und somit die Zukunft unserer kleinen Familie besiegelte. Warum auch immer.

Rolf Sommerfeld (1919-1980)

In wenigen Wochen würde mein Vater 103 Jahre alt; er starb mit 60, genau in dem Alter, in dem ich jetzt bin. Seit einigen Jahren bin ich mit seinem Tod etwas mehr versöhnt, weil ich mir denke, dass er jetzt vermutlich ohnehin nicht mehr leben würde. Gleichzeitig ist er in letzter Zeit für mich präsenter denn je. Das hat zum einen mit meinem Buch zu tun, in dem es eine Figur gibt, die charakterlich an ihn angelehnt ist, zum anderen mit den aktuellen Ereignissen in Deutschland, die wiederum direkt mit den Ereignissen in Israel/Palästina zu tun haben. Ich spreche natürlich von der Documenta fifteen und dem unfassbar aufgeblähten „Skandal“, der mit dem wahren, dem real existierenden, dem lebensgefährlichen und dem selten benannten und verfolgten Antisemitismus so viel zu tun hat wie Schweizer Käse mit der humanistischen Bildung meines Vaters. Wenn Du weißt, was ich meine.

Aus den zahllosen Beiträgen der vergangenen Wochen zu diesem Thema habe ich die herausgesucht, die mir am wichtigsten und wirklich lesenswert erscheinen. Du findest sie kurz kuratiert am Ende dieses Briefes. Mein Vater würde sich im Grabe umdrehen, wenn er mitbekommen würde, was derzeit in Deutschland unter „Antisemitismus“ durchgeht. Bei einigen Aussagen mit dem dazugehörigen Betroffenheits-Hundeblick mancher ‚Experten‘ kann ich mich nur fremdschämen. Gerne würde ich diese Leute fragen, was sie gegen Antisemitismus und andere Formen von Rassismus bei der Polizei, bei der Bundeswehr, in der AfD, im Netz, in gewissen Vereinen und Institutionen unternehmen. Gerne würde ich ihnen ein Gespräch mit dem ehemaligen Knesset-Sprecher Avraham Burg vermitteln, der in seinem Artikel (s.u.) bestens erklärt, wem wir bei dieser verfälschten Debatte in Wirklichkeit auf den Leim gehen. Mein Vater würde ihm sicherlich beipflichten.

Ob mein Vater im Himmel ist und mir von Wolke sieben aus zusieht, wie er manchmal lachend prophezeite, oder ob er, wie er immer zu sagen pflegte, die Radieschen von unten anschiebt, oder ob er ganz woanders oder nirgendwo oder überhaupt nicht mehr ist, das weiß ich nicht und habe auch nicht vor, mich für irgend eine Variante zu entscheiden. In meinen Gedanken und in meinem Herzen begleitet er mich ständig, täglich — auf immer und ewig, nehme ich an. Ich danke ihm für alles, was er mir war; ganz besonders für seinen humanistischen Geist, der mich lehrte, keinen Unterschied zu machen in der Bewertung aller Menschen, sie gleich-wertig zu achten und zu behandeln und ihre Unterschiedlichkeiten zu ehren, zu bestaunen und zu schätzen. So geht für mich Humanismus. Ich wünschte, das könnte ich genauso weitergeben. Was mein Vater zur derzeitigen „Antisemitismus“-Debatte in Deutschland sagen würde, kann ich nur erahnen. Und froh sein, dass er diesen Wahnsinn inklusive der Anschuldigungen gegen seine Tochter* nicht leibhaftig erleben muss.

Eine anregende Lektüre und alles Gute wünscht
herzlichst,

PS: Wenn Dir meine Arbeit gefällt und Du mich unterstützen möchtest, kannst Du das mit einer Mitgliedschaft bei Steady tun. Wenn Du das erst einmal testen möchtest, dann probiere doch mal die kostenfreie Probe-Mitgliedschaft für einen Monat aus.

PPS: Ab Herbst geht es für mich wieder mit Live-Veranstaltungen los. Ganz besonders freue ich mich auf ein Gespräch mit Prof. Norman Paech und Prof. Horst Teltschik am Sonntag, den 25. September um 17 Uhr, das ich im Rahmen der Ulmer Friedenswochen moderieren werde und in dem wir uns über kalte und heiße Kriege und vor allem deren Vermeidung und Befriedung unterhalten werden. Mehr dazu demnächst.

Hier meine Auswahl zur Documenta 15 und darüber hinaus:

Eva Menasse ist wütend und fragt zurecht, was gefährlicher ist: alte antisemitische Karikaturen aus Indonesien oder Antisemiten, die mit Maschinenpistolen in Synagogen eindringen? Ihr Gastbeitrag im Spiegel:
Meint Ihr das wirklich ernst? (29. Juni 22)

Norman Paech sinniert, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen der täglichen Gewalt und Apartheid der israelischen Besatzungspolitik und dem steigenden Antisemitismus nicht nur in Deutschland.
Räumt die Documenta ab! (2. Juli 22)

Joseph Croitoru beharrt darauf, die Dinge im Kontexte zu verstehen. Darum erklärt er in der Münchner Abendzeitung das Wimmelbild, das auf der Documenta anfangs (oder war es die zweite Welle der Empörung, oder die dritte?!) im Fokus der Aufregung stand, sowie in der Berliner Zeitung weitere Kunstwerke:
Das Chaos fair deuten (AZ, 16. Juli 22)
Warum diese Bilder nicht antisemitisch sind (BZ, 29. Juli 22)

Werner Ruf und zwei weitere Wissenschaftler rufen in diesem Offenen Brief den Documenta-Aufsichtsrat, die Bundesregierung und die Medien zu einer Korrektur ihres Verhaltens auf:
Ist die documenta noch zu retten? (27. Juli 22)

Avraham Burg, ehemals Knesset-Sprecher und Vorsitzender der Zionistischen Weltorganisation meint: „Wenn man Muslimen schadet, schadet man mir. (…) Das ist das Gesicht des wahren Judentums.“:
Deutschland verleiht der israelischen Besatzung einen koscheren Stempel 

Für noch mehr Kontext, noch mehr Hintergrund, ein kurzer Beitrag im Deutschlandfunk: Großbritannien verspricht Juden wie Arabern die Erfüllung ihrer nationalen Ambitionen – und verfolgt doch eigene Interessen. 
Vor 100 Jahren: Großbritannien erhält das Völkerbundmandat über Palästina (5 Min.) (24. Juli 22)

Und heute? Laut des UN-Büros für Humanitäre Angelegenheiten in den Occupied Palestinian Territories (oPt) OCHAoPt sind seit Jahresbeginn 29 Palästinenser getötet worden, darunter 6 Kinder; 273 wurden in diesem Zeitraum in der Westbank verletzt, darunter 24 Kinder. Weitere Infos über Hauszerstörungen, Verhaftungen, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, Hausdurchsuchungen etc. können auf der OCHA-Seite abgerufen werden. Darüber sollten wir sprechen; das sollten wir ändern, anstatt uns über Schweineschnauzen auf indonesischen Wimmelbildern zu echauffieren.

* Hier nochmal zwei Artikel, in denen es u.a. auch um meine Person in dieser Schlammschlacht geht:
Itay Mashiach (Haaretz, Dez. 2020): Hexenjagd gegen Israelkritiker
Brian Eno (The Guardian, Feb. 2021): Artists like me are being censored in Germany
Und in diesem Zusammenhang der Offene Brief von Eva Menasse an Felix Klein (Berliner Zeitung, März 2021)

Zuletzt noch als Nachtrag zu meinem letzten Brief ‚Der Schmerz der Anderen‘ ein Kommentar von Charlotte Wiedemann in der taz:
Nakba und deutsche (Un-)Schuld
Und ganz aktuell ihr Beitrag im Online-Magazin Geschichte der Gegenwart, in dem sie u.a. afrikanische Philosophen zitiert:
“ (…) Alle Erinnerungen können geteilt werden, denn in jedem Unglück und jeder Katastrophe unserer gemeinsamen Geschichte ist die Gestalt eines jeden von uns verfinstert worden. Alle Erinnerungen der Erde, ohne jegliche Diskriminierung, sind für den Aufbau einer gemeinsamen Welt unerlässlich.“
Afrikanische Perspektiven auf Holocaust und Erinnerung. Ein Essay über Weltgedächtnis, Prestige und Opferhierarchien

Der Schmerz der Anderen

Heute möchte ich Dir ein Buch empfehlen, das mich seit ein paar Wochen begleitet und mich nachhaltig beschäftigt: Charlotte Wiedemanns DEN SCHMERZ DER ANDEREN BEGREIFEN.

Dass unsere eigene Familiengeschichte darin auch eine kleine Rolle spielt, trug anfangs natürlich zu meinem persönlichen Interesse bei. Aber was in diesem Buch verhandelt wird, ist von sehr viel größerer Bedeutung. Es geht um unseren Umgang mit Erinnerungskultur, um globale Gerechtigkeit, um die nie zu vergessende Erinnerung an die Shoa und den Umgang mit anderen Menschheitsverbrechen und wie sie aus nicht-europäischer Sicht betrachtet werden dürfen und können.

Morgen Abend, Freitag, den 30. Juni um 19 Uhr, findet in Berlin eine Veranstaltung der Heinrich Böll Stiftung mit Charlotte Wiedemann zu ihrem Buch statt, die live gestreamt wird.
Hier findest Du alle Infos dazu: Buchvorstellung und Diskussion.
Und hier geht’s direkt zum kostenfreien Livestream.

Apropos kostenfrei: Hast Du bemerkt, dass es jetzt einen neuen roten Button mit der Aufschrift „Ja, ich will!“ auf meiner Website gibt? Ich bin dem Beispiel vieler Kolleginnen und Kollegen gefolgt und habe mir eine Steady-Seite eingerichtet. Warum und wozu — das erfährst Du, wenn Du auf den roten Button oder HIER klickst 😉

Vielleicht hast Du auch bemerkt (oder auch nicht), dass meine Briefe von Nirit, also mein Blog, den Du als Newsletter erhältst, sich verändert hat. Ich habe weniger, seltener und unregelmäßiger geschrieben in letzter Zeit. Das hat damit zu tun, dass ich an anderer Stelle sehr viel mehr geschrieben habe. Ich arbeite nämlich derzeit an einem Roman — ein sehr aufregender Prozess, der ungeahnte Folgen mit sich bringt! Nicht nur, dass ich mich wochenlang zurückziehen musste (und konnte, Dank einiger Engel in meinem Universum). Auch meine Romanfiguren begannen ein Eigenleben zu entwickeln, das mich immer wieder überraschte und mich zeitweise vor enorme Herausforderungen stellte, weil ich ihnen in unbekannte Welten folgen musste, von denen ich zuvor keine Ahnung hatte. Nun habe ich meine erste Fassung so weit fertig, dass ich mich wieder anderen Dingen zuwenden kann. Der Text darf eine Weile ruhen. Ich denke, es ist wie ein gutes Schmorgericht oder Hefeteig: Zeit und Ruhe, die Du Deiner Kreation gönnst, lassen sie reifen und eine Tiefe entwickeln, die ihrer Qualität guttut.

Und so hängt wieder einmal alles mit allem zusammen: Mein Blog, mein Roman, meine Steady-Seite… ich freue mich, wenn Du einen Blick darauf wirfst. Und auf jeden Fall weiterhin meine Briefe liest! Was ‚meine‘ Themen angeht, habe ich beschlossen, vorerst pro Brief nur ein paar Links zusammenzustellen; die findest Du ganz unten. So bekommst Du eine kuratierte Zusammenfassung und kannst Dich bei Interesse weiter durchs Thema klicken.

Trotz aller unguten globalen Nachrichten: Lass uns nicht vergessen, dass Frieden bei uns allein beginnt. Mit und in uns selbst, mit unseren Nächsten und Liebsten. Hier zumindest können wir einen echten Beitrag leisten und etwas bewirken. Auch und gerade, wenn wir den Schmerz der anderen begreifen.

Herzlichst,

‚Meine Themen‘ rund um Israel und Palästina:

Zur unseligen Documenta-Diskussion hier die beiden besten Texte, die ich in dem Kontext finden konnte:
Susan Neiman (SZ): Der Mangel an Mut überrascht mich jedes Mal aufs Neue
Katja Maurer (medico): Skandal oder Spektakel? Zum Antisemitismus-Streit auf der documenta.


Um nicht zu vergessen, worum es mir und vielen anderen mit unserer Kritik an israelischer Besatzungspolitik geht (was regelmäßig als „israelbezogener Antisemitismus diffamiert wird, wie absurd!), hier nur mal ein Thema herausgepickt, über das OCHA (UN-Büro für humanitäre Angelegenheiten) aktuell in einem Newsletter schreibt:

Der Druck auf die Gemeinden von Masafer Yatta im Westjordanland, ihre Häuser zu verlassen, wächst seit dem 4. Mai 2022, als der israelische Oberste Gerichtshof ihre geplante Vertreibung genehmigte, um Platz für militärische Übungen zu schaffen.
„In den letzten Wochen wurden die Häuser von Dutzenden von Menschen in Khirbet Al Fakhiet und Mirkez abgerissen, in einigen Fällen bereits zum dritten Mal in weniger als einem Jahr“, sagte Yvonne Helle, die Koordinatorin für humanitäre Hilfe, a.i. „In Khirbet at Tabban und Khallet Athaba‘ wurden in den letzten zwei Wochen neue Abrissbefehle erteilt. Vor kurzem wurde eine Militärübung in der Nähe von Wohngebieten durchgeführt. Die Menschen sind verängstigt.“
In Masafer Yatta leben 1.144 Menschen, darunter 569 Kinder. Abgesehen von den unmittelbaren Auswirkungen der Abrisse auf das Leben und die Lebensgrundlagen der Menschen könnten diese Maßnahmen zu Menschenrechtsverletzungen wie Zwangsräumungen führen und die Menschen der Gefahr einer Zwangsumsiedlung aussetzen, was eine schwere Verletzung der Vierten Genfer Konvention darstellt.
„Die Abrisse, die militärischen Aktivitäten und andere zunehmende Zwangsmaßnahmen in Masafer Yatta sollten gestoppt werden, und die Bewohner sollten in Sicherheit und Würde in ihren Häusern bleiben können“, sagte Helle. „Die humanitäre Gemeinschaft ist bereit, den Menschen in Masafer Yatta Hilfe zu leisten. Letztendlich müssen die Behörden jedoch ihren Verpflichtungen nachkommen, sie im Einklang mit dem Völkerrecht zu schützen.“
Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)

Aufhören zu schweigen

Während ich mich letzte Woche über ein blödes Plakat in Berlin echauffierte, fand in Jerusalem die Beerdigung der palästinensisch-amerikanischen Journalistin Shireen Abu Akleh, 51, statt. Shireen wurde bei der Ausübung ihrer Arbeit erschossen. Sie und ihre Kollegen waren „mit Kameras bewaffnet“, wie ein Sprecher der israelischen Streitkräfte erklärte und dabei jede Verantwortung von sich wies.

Shireen Abu Akleh (1971 – 2022)

In Jerusalem läuteten lange alle Kirchenglocken der Stadt, als Shireens Sarg unter den Knüppeln der israelischen Polizei zu Grabe getragen wurde. Dem Trauerzug schlossen sich Tausende an; örtliche Medien berichten vom größten Begräbnis, das Jerusalem seit Jahren erlebt habe. In deutschen Medien gab es darüber meist verhaltene Berichte*. Darum will ich hier einige verlinken, die das Geschehen um den Mord und die Bestattung von Shireen Abu Akleh und deren Bedeutung beleuchten.

Zum Tod von Shireen Abu Akleh von Karin Leukefeld, freie Nahost-Korrespondentin
Tod einer Zeugin von Lea Frehse, ZEIT ONLINE (hier als PDF)
Start here von Aljazeera, TV-Beitrag (10 Min, Englisch) mit Recherchen eine Woche nach Shireen Abu Aklehs Tod
Video von Überwachungskameras im und am Krankenhaus (Facebook)

*Wenn Du wissen willst, was ich mit „verhaltene Berichte“ meine und warum in Deutschland mit extremer Vorsicht über alles berichtet wird, was mit Rechten von Palästinensern und Unrecht seitens Israel zu tun hat, dann empfehle ich unbedingt den Dokumentarfilm

ZEIT DER VERLEUMDER von Dror Dayan and Susann Witt-Stahl
(© 2021, 102 min., Engl./Deutsch mit UT)

auf YouTube anzuschauen. Mit dem oberen Link kannst Du den Film ab Sonntag, 22. Mai 22, ab Mitternacht für 24 Stunden kostenfrei ansehen. Hier der Trailer dazu:

Trailer zu ZEIT DER VERLEUMDER

Wir müssen aufhören zu schweigen, wenn Unrecht geschieht, und endlich anfangen, über die wirklich wichtigen Dinge zu sprechen. Um unnötiges Blutvergießen zu verhindern, um nicht noch mehr Schmerz und Verzweiflung zu schüren.
Ich weiß, ich wiederhole mich. Aber ich werde mich so lange wiederholen, bis es kein Unrecht zu beklagen gibt.
Ich weiß, das ist lang.

Herzlichst,

Bitte recht freundlich!

Vorgestern protestierte ich per Mail an die Senatsverwaltung in Berlin, weil sie die Aktion „Solidarisch gegen Hass“ mit einem hasserfüllten Plakat bewirbt und fördert. Das Plakat poste ich hier absichtlich nicht; es zeigt das Hinterteil eines Esels vor einer Wüste, bestückt mit Symbolen u.a. von Amnesty International, und fordert dazu auf, den „Antisemiten des Jahres“ zu suchen und ihn „in die Wüste zuschicken“.
Ich glaube daran, dass man schlimmen Dingen nicht zu viel Energie, Aufmerksamkeit oder gar eine Plattform bieten sollte. Auf meiner Website kann ich darüber bestimmen, was es zu sehen gibt und was nicht. Juhuuu.

Ich glaube aber auch daran, dass man sich gegen schlimme Dinge wie Hass, Ausgrenzung und Antisemitismus wehren muss, zumindest sich dagegen aussprechen sollte. Auch Du kannst tun, indem Du diese gerade gestartete Petition unterzeichnest; da kannst Du auch das Plakat des Anstoßes sehen. Oder Du verfasst eine ähnliche Mail wie meine hier unten eingefügte direkt an die Senatsverwaltung. Nur eine Bitte: Bleibe dabei recht freundlich. Mit Hass bekämpfst Du keinen Hass.

Am Freitag, den 13. wünsche ich Dir ein Glück bringendes, schönes, friedliches und freundliches Wochenende!

Herzlichst,

Sehr geehrte Ansprechpersonen zum Thema Antisemitismus in Berlin!
Die Berliner Senatsverwaltung unterstützt dieses Plakat,

(das hatte ich beigefügt, zeige es hier aber nicht)
auf dem das Hinterteil eines Esels mit einem gelben Judenstern zu sehen ist, daneben BDS und Amnesty International, mit der Aufforderung, den „Antisemiten des Jahres und seinesgleichen in die Wüste zuschicken“. Das verstehen Sie unter „Solidarität gegen Hass“?!?
Wie genau gedenken Sie, die Leute, die Sie da ausfindig machen wollen
und denen Sie offensichtlich schon mal vorab das Label „BDS, Judenstern, ai“ auf den (Verzeihung:) Arsch gedruckt haben, „in die Wüste zu schicken“? Ist das tatsächlich Ihr Verständnis von Demokratie, von einer pluralistischen Gesellschaft? Glauben Sie wirklich, dass man mit solchen Aktionen Hass reduziert — noch dazu bei einer Veranstaltung am Jahrestag der Nakba, an dem Millionen von Palästinensern weltweit und anerkanntermaßen ihrer Vertreibung von 1948 gedenken?
Ich protestiere in aller Vehemenz gegen dieses Plakat, das vor Hass und Entwürdigung nur so strotzt, und fordere Sie auf, endlich Maßnahmen zu unterstützen, die wirklich dazu geeignet sind, Antisemitismus zu bekämpfen, zu verhindern und irgendwann einmal zu beseitigen! Die „Kampagne aus Berlin“ ist nicht „solidarisch gegen Hass“, sondern bewirkt das genaue Gegenteil.
In Erwartung Ihrer baldigen Antwort verbleibe ich
hochachtungsvoll,
Nirit Sommerfeld

PS: Ich bekam umgehend eine Antwort vom Büro des Antisemitismusbeauftragten, das sich für den Hinweis auf das Plakat bedankte, von dem es wohl keine Kenntnis hatte. Mir wurde versichert, man teile mein „Unverständnis“ und meine „Empörung“ darüber und dass sich der „zuständige Ansprechpartner beim Berliner Senat“ dazu äußern werde. Das ist bisher nicht geschehen. 

Clowns. Putin. Frieden!

Morgen, Mittwoch, den 4. Mai 22, 19 Uhr, werde ich eine Online-Talkshow mit den Klinik Clowns moderieren. Was sie als Clowns in Kliniken tun, mit wem, wie und warum sie das tun, was sie bewirken und welchen vielschichtigen Beruf diese Profis im Clownskostüm ausüben, dem möchte ich im Gespräch mit ihnen und der Klinikleiterin des Hospizes Vilsbiburg auf den Grund gehen. Wenn Du dabei sein möchtest, kannst Du Dich heute noch zu der (kostenfreien) Online-Zoom-Veranstaltung anmelden unter talk@klinikclowns.de.
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Am 14. Mai eröffnet meine geschätzte Kollegin Ira Blazejewska in Berlin eine Ausstellung im Rahmen der Bayerischen Buchtage. Ich habe ihr Werk „Putin, Putin … 30 Portätbilder“ bereits vor einigen Jahren in München gesehen — besser gesagt: erlebt. Ira ist eine Allround-Künstlerin; sie malt, singt, performt, schreibt… und ihre Auseinandersetzung mit Putin ist auf jeden Fall sehens-, hörens- und erlebenswert. Karten gibt es HIER, und hier kannst Du Iras Blog und Website besuchen.
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Ein weiterer geschätzter Kollege, der Violinist Ferenc Kölcze, machte mich auf ein ganz besonderes Konzert, „The Armed Man“ aufmerksam, das am 15. Mai, 11 Uhr als Matinee in der Münchner Isarphilharmonie unter der Leitung von Andrea Fessmann stattfindet — mit einem riesigen Chor, mit Solisten, mehreren Orchestern und einem Muezzin. „The Armed Man“ wurde 2000 in London uraufgeführt; 2018 dirigierte der walisische Komponist Sir Karl Jenkins sein eigenes Werk in Berlin am 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs mit etwa 2.000 Chorsängern aus 27 Ländern und dem World Orchestra for Peace.
Für das Konzert in München können Karten OHNE Vorverkaufsgebühr per Email oder unter 08856-3695 reserviert werden. Mehr Infos HIER.
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Falls Du Dich fragst, ob das alles ist, was ich in der derzeitigen Kriegs- und Gewaltgeschwängerten Zeit zu sagen habe — ich fürchte, die Antwort ist: Ja. Viel mehr habe ich nicht zu sagen, außer: Mit Kunst und einem Angebot zu Dialog ist wohl kein Krieg zu stoppen, aber immerhin ist Kunst und Krieg nicht zu gleicher Zeit am selben Ort machbar. Kunst zu machen, also einen Dialog zu eröffnen, sei es in der persönlichen Begegnung von Mensch und Mensch, sei es zwischen Bild und Betrachter oder zwischen Darstellern und Zuschauern, ist derzeit alles, was ich zu bieten habe. Und ich biete alles. Alles, was ich habe.

Foto: Jens Heilmann

Herzlichst,

Was wenn

Was wenn Krieg ist
uns keiner geht hin (frei nach Bertold Brecht)

Was wenn es jetzt schon zu spät
was wenn alles Vertrauen geschwunden
was wenn die letzte Chance verspielt
was wenn Angst und Schmerz regiert
was wenn Flucht uns treibt
wenn Verletzung um Verletzung
ins Gedächtnis sich schreibt
von Generationen beerbt
was wenn Hoffnungslosigkeit
Sinnlosigkeit Verzweiflung Hass
Zukunft verschlingt?

Einen Baum pflanzen.
Ein Lied singen.
Eine Berührung schenken, ein Lächeln.
Auch wenn alles zu spät

Frohe Ostern
Ramadan Kareem
Chag Pessach sameach

Herzlichst,


Das böse A-Wort

Der Vorwurf wiegt schwer: Apartheid ist den Meisten aus Südafrika bekannt und mit Trennung von Weißen und Schwarzen assoziiert. Aber der Begriff ist seit 1973 im Völkerrecht klar und allgemein definiert als „unmenschliche Handlungen, die zu dem Zweck begangen werden, die Herrschaft einer rassischen Gruppe über eine andere rassische Gruppe zu errichten und aufrechtzuerhalten und diese systematisch zu unterdrücken“. Das Völkerrecht erklärt Apartheid zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

„Unsere Erkenntnisse und unsere Kritik richten sich nicht an das Jüdische Volk, sondern an den israelischen Staat.“
Philip Luther, Chef-Berater für Forschung und Politik, Amnesty International

Der Bericht, den Amnesty International (AI) am 1. Februar 2022 unter dem Namen „Israel’s Apartheid against Palestinians: Cruel System of Domination and Crime against Humanity“ (Israels Apartheid gegen Palästinenser: Ein grausames System von Herrschaft und Verbrechen gegen die Menschlichkeit) veröffentlicht hat, ist im Original auf Englisch verfasst. Die israelische Regierung beeilte sich bereits am Tag vor der Veröffentlichung, den Report als „Israel-hassend und antisemitisch“ zu diskreditieren; deutsche Medien und Institutionen folgten ebenfalls mit dem allseits ge- und missbrauchten Antisemitismus-Vorwurf. Nirgendwo konnte ich aber bisher auch nur ein einziges konkretes Argument gegen die Erkenntnisse und gut dokumentierten Fakten der AI-Studie finden. Niemand auf Seiten der Empörten bemühte sich zu erklären, warum wohl eine der größten, ältesten, wichtigsten Menschenrechtsorganisationen, deren Studien gegen Menschenrechtsverbrechen in China, Myanmar, Iran, Ungarn, Ägypten und anderen (ungeliebten) Staaten akzeptiert und zitiert werden, auf einmal von Antisemitismus heimgesucht sein soll. Manche entblöden sich sogar wie hier in der taz, Amnesty polemisch und mit Falschbehauptungen gespickt für tot zu erklären.

Auf Deutsch kann man hier eine gute Zusammenfassung lesen, sowie hier die Reaktion der deutschen Amnesty-Sektion. Wenn Du verstehen willst, worum es Amnesty International geht, ist dieses 15-minütige Erklär-Video sehr zu empfehlen:

Antisemitismus? Apartheid!

Ich finde es wichtig, die Dinge zu kennen, über die man eine Meinung äußert, daher verlinke ich oben die Original-Quellen von AI. Das Geschrei um den vermeintlich antisemitischen Hintergrund des AI-Berichts ist, wie bereits erwähnt, groß. Nichts in dem Bericht deutet jedoch darauf hin, dass irgend etwas darin sich gegen Juden richtet, weil sie Juden sind (das wäre per definitionem antisemitisch). Im Gegenteil: Nach eigenen Aussagen richtet sich die Kritik „…nicht an das Jüdische Volk, sondern an den israelischen Staat.“ AI sprach im Rahmen der Recherchen „mit Vertretern palästinensischer, israelischer und internationaler Nichtregierungsorganisationen (NRO), einschlägiger UN-Organisationen, Juristen, Wissenschaftlern, Journalisten und anderen relevanten Akteuren. Darüber hinaus führte Amnesty International eine umfassende rechtliche Analyse der Situation durch und holte auch den Rat externer Experten für internationales Recht ein.“.

Ein echter Kenner der Situation vor Ort dürfte der ehemalige israelische Richter und Staatsanwalt Michael Benyair sein. Heute erschien sein Gastbeitrag in der Frankfurter Rundschau (unten als PDF). Auch er verwendet das böse A-Wort ‚Apartheid‘ für die Zustände zwischen Mittelmeer und Jordan und ruft die internationale Gemeinschaft zum Handeln auf. Ob auch er in den Augen all jener, die Judenhass bekämpfen wollen, ein niederzubrüllender Antisemit ist? Hierzulande kann man entweder kaum etwas lesen und hören zum AI-Bericht, oder der Report wird von A bis Z harsch zurückgewiesen: vom Auswärtigen Amt, der Bundesregierung, den Antisemitismus-Beauftragten bis hin zu Jüdische Allgemeine, Spiegel, taz, der Tagesschau und dem Zentralrat der Juden, der gar die Rückgabe des Friedensnobelpreises von Amnesty International fordert. Vermutlich folgen sie alle dem Narrativ von Israels Außenminister, demzufolge der Bericht von Lügen gespickt sei, die von Terrororganisationen verbreitet würden. Glaubt von diesen Leuten irgendjemand ernsthaft, dass Hass und Gewalt gegen Juden in Deutschland und der Welt weniger wird, wenn die Gewaltherrschaft Israels gegen die Palästinenser vertuscht wird? Wäre Israel willens, eigenes Unrecht anzuerkennen und aufzuheben, wäre ein erster Schritt in Richtung Frieden und weniger Antisemitismus in der Welt denkbar.

Worum geht es faktisch?

Im vorliegenden Bericht wird der Begriff der Apartheid im Internationalen Recht erklärt, vor allem die Unterdrückung und Herrschaft einer ethnischen Gruppe über eine andere. Dann wird die konkrete staatliche Unterdrückung und Herrschaft seitens Israels über die Palästinenser beschrieben, ebenso die unterschiedlichen Unterdrückungsstrukturen und -mechanismen, denen Palästinenser innerhalb Israels und in den Palästinensischen Besetzten Gebieten (OPT) ausgesetzt sind, sowie gegenüber palästinensischen Flüchtlingen. Weitere Punkte sind u.a. die Verweigerung des Rechts auf gleiche Staatsangehörigkeit und gleichen Status, die Einschränkung der Bewegungsfreiheit als Mittel zur Kontrolle von Land und Leuten, die Trennung von Familien durch diskriminierende Gesetze, die diskriminierende Zuweisung von enteignetem palästinensischem Land für jüdische Siedlungen, Hauszerstörungen, Administrativhaft, Folter, rechtswidrige Tötungen und schwere Verletzungen — um nur einige der Punkte der Studie zu nennen. Selbstverständlich finden sich im Bericht zahlreiche Quellenangaben.

Was nun, was tun?

Viele der Erkenntnisse haben andere Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch oder B’tselem auch schon benannt; das Besondere an der AI-Studie ist die Aufforderung an die Weltgemeinschaft, dieses Unrecht nicht mehr hinzunehmen. Mal sehen, wie die Weltgemeinschaft reagiert. Und wie wir uns als Individuen dazu verhalten. Hier kannst Du die AI-Petition Apartheid zerstören, nicht Häuser unterzeichnen.

Herzlichst,

Mut und Wut

Eva Menasse, leuchtender Stern am zeitgenössischen Literatenhimmel —  sprachgewaltig, intelligent, pointiert, sachkundig, geschichtsbewusst — hat in der unseligen Antisemitismusdebatte gerade ein Erdbeben ausgelöst. „Menasse drops a bomb“, wie die Journalisten-Kollegin Emily Dische-Becker treffend twittert: Mit ihrem heute erschienenen Gastbeitrag Die Antisemitismus-Debatte ist eine fehlgeleitete, hysterische Pein (hier als PDF) in der ZEIT beweist Eva Menasse Mut, weil sie die verlogene, absichtlich fehlgeleitete Debatte um die angeblich Israel- oder selbsthassenden Kritiker (und -innen) Israelischer Siedlungspolitik kenntnisreich seziert und Ross und Reiter nennt. Ihre Wut darüber verbirgt sie nicht.

Diese teile ich mit ihr: Ich selbst war nun jahrelang von faktischen Auftrittsverboten betroffen, was auf die BDS-Beschlüsse von München und anderer Städte, schließlich auf den BDS-Beschluss des Bundestages beruhte. Zur Erinnerung: Die BDS-Kampagne (Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen gegen Israel), eine in Deutschland rein zahlenmäßig marginale Bewegung, die aber immerhin die Diskussion über israelische Siedlungspolitik hierzulande anzufeuern vermochte, wurde (aus meiner Sicht fälschlicherweise) als antisemitisch eingestuft und somit allein eine „Befassung“ mit ihr in öffentlichen Räumen verboten. Dies ist nun am 20.01.2022 vom Bundesverwaltungsgericht in Leipzig höchstrichterlich als verfassungswidrig verurteilt worden. Zu Deutsch und ganz praktisch: Es ist nicht mit unserer Verfassung vereinbar, Menschen wie mir Räume und Redefreiheit zu verweigern, weil man mir eine Nähe (!) zu BDS unterstellt. Ja, allein diese Behauptung hat in den letzten Jahren genügt, um Veranstalter davon abzubringen, mir eine Bühne zu geben. Die Frage, ob ich mich an Boykottmaßnahmen gegen Israel beteilige oder ob ich für Sanktionen werbe, ist dabei nie gestellt worden. Auch nicht die Frage, wie ich mich als Tochter eines Holocaust-Überlebenden, als Enkelin eines im KZ Ermordeten fühle, wenn man mich des Antisemitismus bezichtigt oder auch nur die Nähe dazu andeutet. Zu peinlich wäre ihre Beantwortung gewesen.

Wir gedenken in diesen Tagen der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 77 Jahren, sollten uns aber auch an die Wannsee-Konferenz erinnern, in der vor 80 Jahren die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ besiegelt wurde. Die gesteuerten Denkprozesse, die Angst vor falschen Aussagen, die bereitwillige Anpassung der eigenen Meinung entgegen besseren Wissens und Gewissens und damit die Gleichschaltung aller Instanzen, die im hier verlinkten Spielfilm genauestens beobachtet werden können —  diese Mechanismen sollten uns aufhorchen lassen. Der Blick in die Vergangenheit sollte unseren Blick in die Gegenwart schärfen. Hier kann ich nur Eva Menasse zitieren: 
„Gibt es (kruden, brutalen, lebensgefährlichen) Antisemitismus? Ja, und nicht zu knapp. Er ist, wie aller Hass, dank der asozialen Medien exponentiell gewachsen. (…) Aber nicht nur der vervielfältigte Hass (der direkt zu Verbrechen wie in Kassel, Hanau, Halle führt) explodiert uns unter der Hand, sondern auch ein völlig irregegangener Moralismus aus ähnlich trüb-digitalen Quellen. (…) Beim Kampf gegen strafrechtlich relevanten Antisemitismus hingegen bringt Deutschland bisher kaum den politischen Willen auf, den Herbert Reul, Innenminister von NRW, gegen Kinderpornografie so eindrucksvoll bewies: ordentliche Polizeiarbeit, entschlossene Strafverfolgung, schnelle Prozesse.“
Stattdessen, so Eva Menasse weiter, fiel man über die Initiative Weltoffenheit her und diskreditierte damit die „wichtigsten Kultur- und Wissenschaftsinstitutionen (Goethe-Institut, Haus der Kulturen der Welt, Moses-Mendelssohn-Zentrum, Wissenschaftskolleg, Zentrum für Antisemitismusforschung, Bundeskulturstiftung und viele mehr), wodurch „keine einzige antisemitische Straftat“ verhindert wurde. Es wird Zeit, dass sich das ändert.

Ändern wird sich nach dem Leipziger Urteil auch, dass Raumverbote für Menschen, die sich kritisch und konstruktiv mit einer Verbesserung der israelischen Politik (und Deutschlands Beitrag dazu) befassen wollen, so wie ich das gerne wieder in öffentlichen Räumen tun würde, der Vergangenheit angehören. 

Oder vielleicht doch nicht? Muss ich, da die populären Akteure im lauten Moralkampf gegen Antisemitismus das Leipziger Urteil „bedauern“ und für einen „Schlag gegen die Demokratie“ halten, mit erneuten juristischen Kniffen rechnen, die uns weiterhin behindern werden? Und darf ich mal nachfragen, ob ich für fünf Jahre entschädigt werde, in denen ich in München und andernorts in Deutschland faktisch von einem Rede- und Auftrittsverbot in öffentlichen Räumen betroffen war? In denen mir als Künstlerin Förderungen verweigert wurden, weil „uns die Hände [auf Grund der BDS-Beschlüsse] gebunden sind“, wie ich nicht selten zu hören bekam? Wird es dafür zumindest eine Entschuldigung geben, wird das irgend jemand bedauern, nachdem das höchste deutsche Gericht in dieser Sache festgestellt hat, dass wir im Widerspruch zum Grundgesetz, Artikel 5, unserer Meinungsfreiheit beraubt wurden? 

Ich bin gespannt. Und freue mich — nein, nicht auf ein (analoges) Wiedersehen, denn Auftritte sind aus bekannten Gründen nicht geplant — diesmal freue ich mich auf Eure (digitalen) Rückmeldungen.

Herzlichst,

Vom Glück, mit Tieren zu leben

Guten Morgen am vierten Tag des neuen Jahres 2022. Bei meinem Sylvesterspaziergang oberhalb des Lago di Lugano ließ ich das alte Jahr revue passieren, spürte die ungewöhnlich warme Wintersonne auf meinem Gesicht und den Schmerz vieler Abschiede im Herzen, die mir das alte Jahr beschert hatte.

Ich musste mich von Orten, Menschen, Gewohnheiten und Gewissheiten verabschieden (wir wir alle), von Konzerten und Reisen, die maßnahmenbedingt nicht stattfinden durften. Ich musste auch für immer Abschied nehmen von drei Tieren, die mir auf sehr unterschiedliche Weise ans Herz gewachsen waren. Im Mai hatte ich einen aus dem Nest gefallenen jungen Star aufgezogen. Ich nannte ihn Punky, fütterte ihn mit den ekligsten Insekten, ließ ihn beim Abspülen in meinen Händen baden, kurz: wir verstanden uns prächtig. Unmittelbar nachdem ich ihn freigelassen hatte, wurde er von einem Bussard geschnappt, vor meinen Augen. Seine Schreie blieben mir lange im Ohr. Im Juni starb unsere alte Hündin Bobby; immerhin hatte sie 16 gute Hundejahre mit uns verlebt, aber ihr Sturz aus dem fünften Stock — sie hatte sich durch die Gitterstäbe einer Balkontüre gezwängt — war doch ein spektakulär-dramatisches Ende.

Und schließlich Lila, mein Enkelhund, wie ich sie immer nannte. Meine Tochter Stella hatte sie 2019 aus Guatemala mitgebracht, wo sie ein Jahr mit ihr gelebt hatte, und ich durfte sie seither immer wieder hüten, wenn Stella unterwegs war. Mit Lila verbrachte ich zuletzt zwei herrliche Herbstwochen im Bayerischen Wald, wo sie geduldig neben mir lag, wenn ich schrieb; wo wir stundenlange Wanderungen machten und abends gemeinsam das Treiben der Mäuse in der alten Bauernstube beobachteten. Bei unserer Rückkehr freundete sie sich sofort mit der kleinen Katze Maeve, auch Kürbis genannt, an, die in unserer Abwesenheit hier ein neues Zuhause gefunden hatte. Als kurz darauf die Diagnose feststand — Mastzellentumor — hatte die vierjährige Lila noch eine Woche zu leben. Ich vermisse sie täglich, überall.

Stella schrieb am Tag nach Lilas Tod in ihrem Blog diesen traurig-tröstlichen Text. (Wenn Du nicht gerne Englisch liest, benutze deepl.com zum Übersetzen.)

Mir und uns allen wünsche ich für das Neue Jahr Glück und Gesundheit für uns selbst und unsere Liebsten (Tiere wie Menschen), hoffnungsfrohere Aussichten, weniger Beschränkungen und vor allem wieder mehr Offenheit, Achtsamkeit, Gelassenheit und Freundlichkeit, mehr Toleranz und Respekt gegenüber Andersdenkenden, weniger Polarisierung, viele echte Begegnungen mit echten Umarmungen und Gesprächen vis-à-vis (ja, von Angesicht zu Angesicht, auch wenn Zoom ne tolle Erfindung ist). Lasst uns achtsam sein und unsere Ängste ablegen! Was kann schon schlimmstenfalls passieren? Eben.

Herzlichst,

Kultur, Politik und gutes Leben