Das neue Jahr 5787 hat nach jüdischem Kalender begonnen — nach Rosh haShana, dem Neujahrsabend , dieses Jahr am 11. September, und dem Ende von Jom Kippur am Montag Abend, zehn Tage später. Jom Kippur ist der höchste jüdische Feiertag, der Tag der Versöhnung nach zehn vorausgegangenen Tagen der Reue, des In-Sich-Gehens, des Reflektierens, des Sich-Entschuldigens.
Versöhnung funktioniert nur, wenn alle Seiten sich die Hand reichen, und meistens scheitert sie daran, dass keiner den ersten Schritt wagt. Darum will ich das hiermit mal öffentlich tun:
Ich reiche all jenen die Hand, die mich vor allem in Chemnitz und vor allem im vergangenen Jahr verleumdet haben; die mir schlimme Dinge wie jüdischen Selbsthass, Israelhass und Antisemitismus vorgeworfen haben, nur weil ich mich für gleiche Rechte für Palästinenser sowie für Israelis einsetze; die dafür gesorgt haben, dass mir öffentliche Fördergelder entzogen wurden, so dass Menschen in Institutionen sich so unter Druck gesetzt gefühlt haben, dass mir z.B. eine Klausel in den Mietvertrag hineingeschrieben werden sollte, die mir u.a. politische Veranstaltungen im Café Julius verbieten wollte. Ich reiche jenen die Hand, die Angst vor den Konsequenzen hatten, wären sie ihrem Gewissen gefolgt und nicht einer vermeintlich sicheren Staatsräson. Ich reiche selbst jenen die Hand, die mich in eine existentiell bedrohliche Lage bringen wollten (was zum Glück nicht gelungen ist). Und ich tue dies ohne jeden Zynismus — allerdings aus einer Position der Stärke — denn ich gehe extrem gestärkt aus den vergangenen Wochen hervor — und des tiefen Vertrauens, dass Gerechtigkeit und Liebe über Angst und Gewalt siegt. Im Kleinen wie im Großen.
Im Kleinen erlebe ich dies seit Wochen. Wie viel Zuspruch, wie viele mutmachende und konkrete Angebote aus der Chemnitzer Stadtgesellschaft haben mich erreicht! Wie viel Unterstützung habe ich erfahren, nicht zuletzt vom smac und seiner Direktorin Dr. Sabine Wolfram, die den letzten fünf Tacheles-Gesprächen auf dem Goldenen Sofa auf ihrer Museumsfläche ein Zuhause gibt!
Hier kannst Du das jüngste Gespräch mit Prof. Dr. Susan Neiman ansehen, am Anfang mit der Begrüßung von Sabine Wolfram und dem Jubel, den ihre Ankündigung bei über 250 Zuschauern ausgelöst hat.
Die Freie Presse berichtete am nächsten Tag.
Im Großen ist es ähnlich. Immer mehr Menschen wollen weltweit, dass Krieg und Gewalt ein Ende finden, dass Tacheles über Palästina und das Leid der Palästinenser gesprochen und die Meinungsfreiheit hoch gehalten wird. Auch dies ist ein Innehalten, eine Reflektion, eine Vorbereitung für einen Perspektivwechsel und nicht nur eine politische Position. Diese Sehnsucht spiegelt sich wieder in einer Welle der Solidarität: z.B. in der Popwelt nach dem Rausschmiss des Rappers Macklemore durch den Popstar Ed Sheeran; z.B. durch Veranstaltungen von medico international mit Dr. Gabor Maté, der über Traumata im deutsch-jüdisch-palästinensischen Dreieck spricht; z.B. in den klassischen Konzerten des Make Freedom Ring von und mit Michael Barenboim, zu dem ich kürzlich in Nürnberg auch eine kleine Rede beitragen konnte.
Auch in den Reaktionen auf den preisgekrönten Dokumentarfilm NAZA zeigt sich, dass Menschen sich danach sehnen, dass himmelschreiendes Unrecht benannt und geahndet wird. NAZA ist das hebräische Akronym für ‚Kollateralschaden‘; der Film zeigt, wie der Krieg gegen die palästinensische Zivilbevölkerung strukturell gewollt, geplant, beabsichtigt ist. Und wieder ist es das alte Muster: Die Überbringer der schlechten Botschaft sollen gelyncht werden, nicht die Verursacher des Übels. Ist denn nicht offensichtlich, was hier falsch läuft?!
Wie sehr uns diese Ungerechtigkeit wütend machen mag — es hilft ja nichts: Wir Erdenbürger müssen uns diesen einen Planeten teilen. Das wird nur gelingen, wenn wir uns miteinander arrangieren, auch mit jenen, die wir nicht so mögen — nicht, indem einige von uns einige andere eliminieren wollen. Auch „nur“ unterdrücken, besatzen, verjagen, vergiften, verleumden ist keine so gute Idee. Es werden immer welche übrig bleiben, die das Rad der Gewalt am Laufen halten werden.
Es gibt andere Wege, das wussten unsere Vorfahren, als sie nach zwei desaströsen Weltkriegen die 30 Artikel der Menschenrechte aufschrieben. Ein Blick darauf lohnt immer wieder mal. Versöhnung ist ein Anfang.
Wer möchte mir die Hand reichen? Heute, Dienstag Abend um 19.30 Uhr, lese ich aus meinem Roman BEDUINENMILCH bei den Friedenstagen in Ulm, am Donnerstag, 24.9., 19 Uhr spreche ich mit Yona-Dvir Shalem auf dem Goldenen Sofa im smac, und ansonsten findet Ihr mich bis Ende Oktober meist im JULIUS in Chemnitz. Termine gibt’s HIER.
Hier kommen ein paar Empfehlungen:
- Das israelische Magazin +972 verurteilt eskalierende Drohungen gegen „NAZA“-Direktoren
- Der Skandal, der die Popwelt erschüttert: Jonathan Cook, die Frankfurter Rundschau, das ZDF und Ed Sheeran selbst kommentieren
- Ein Einzelfall: Jeff Halper von ICAHD berichtet über Abu Hassan und was ihn endgültig verzweifeln ließ
Der Rutsch ins Neue Jahr (Guten Rutsch –> Rosh…!) ist überstanden, nun wünsche ich uns allen bessere, friedvollere Zeiten.
Herzlichst,

















