Brief aus Jerusalem, vorgelesen

Heute beginne ich mit einer neuen Reihe. Einen Brief, eine Mail oder einen Artikel werde ich (fast) täglich aus der Flut der Informationen und Nachrichten aus und über Israel und Palästina aussuchen und Dir vorlesen.

Der erste vorgelesene Brief ist aus einer Reihe von Beiträgen, die in der Tageszeitung junge welt als “Brief aus Jerusalem” veröffentlich werden. Geschrieben hat ihn Helga Baumgarten, emeritierte Professorin für Politikwissenschaften an der palästinensischen Universität Birzeit nördlich von Ramallah im Westjordanland und Autorin mehrerer Standardwerke zum Nahostkonflikt. Dies ist ihr vierter Beitrag in der Reihe “Brief aus Jerusalem”. Brief eins erschien in der jW vom 29./30. Juni, die Folgebriefe in den jW-Ausgaben vom 8. und 13./14. Juli. Diesen hier vorgelesenen Brief findest Du in der aktuellen jW Wochenendeausgabe.


Die Tragödie der Kinder
von Helga Baumgarten, gelesen von Nirit
(wenn Du auf das Radio klickst, öffnet sich die Seite, auf der Du den Audio-Link öffnen kannst)

Danke fürs Lesen und Zuhören!

Herzlichst,

Wenn Dir meine Briefe gefallen, dann leite sie gerne weiter. Das ist und bleibt für alle Leser und Hörerinnen kostenfrei, auch wenn mich meine Arbeit— lesen, recherchieren, kuratieren, schreiben — natürlich Zeit und Geld kostet. Finanziert wird dies durch eine Solidargemeinschaft von Mitgliedern bei Steady. Wie auch Du schon mit 3,50 € pro Monat dabei sein kannst, erfährst Du HIER. Probier’s mal aus!

Das Urteil des IGH

Gestern, am 19. Juli 2024, fällte der Internationale Gerichtshof in Den Haag ein längst fälliges Urteil. Es stellte fest: Die israelische Besatzung der palästinensischen Gebiete ist rechtswidrig.

„No naa ned!“, würde man in Österreich sagen: Klar ist diese Besatzung rechtswidrig! Jeder vernunftbegabte Mensch mit ein wenig Ahnung der Verhältnisse vor Ort in Israel-Palästina weiß das längst. Was also ist die Überraschung bei diesem Urteil, wieso könnte man es gar als historisch bezeichnen?

Überraschend, oder besser gesagt bemerkenswert ist die Klarheit, mit der das Gericht feststellt, dass die illegale israelische Besatzung des Westjordanlandes und Ostjerusalems (!) Apartheid darstellt. Zudem erklärte der Internationale Gerichtshof die israelischen Siedlungen in diesen Gebieten für illegal und forderte in einem Gutachten, dass Israel für die Besetzung Entschädigung leisten und seine Siedlungen auflösen müsse. Das Gericht spricht von De-facto-Annexion, systematischer Diskriminierung und Segregation. Auch sei der Gazastreifen trotz des Rückzugs Israels aus der Enklave im Jahr 2005 faktisch unter israelischer Besatzung. Laut dem Urteil verstößt Israel gegen Artikel 49 der Vierten Genfer Konvention; die Staaten der Welt müssten dafür Sorge tragen, dass Israels Handeln unterbunden werde.

Die weitere, eher bittere Überraschung ist, dass dieses Urteil nicht rechtsbindend ist. An diesem Punkt verstehe ich die Welt wieder einmal nicht. Wir Menschen treffen Vereinbarungen wie die Charta der Menschenrechte, das Römische Statut, die Genfer Konvention, installieren internationale Gerichtshöfe — aber wenn dann ein Urteil fällt, ist es nicht rechtsbindend. Andererseits lehrt die Erfahrung mit Israel: Ob etwas international rechtsbindend ist oder nicht, juckt handelnde israelische Politiker nicht die Bohne. Auch Anweisungen aus dem Weißen Haus, der EU oder (rechtsverbindliche) Resolutionen der UNO werden und wurden von israelischen Regierungen aller Couleur stets ignoriert, wenn es nicht den (scheinbar) eigenen Interessen Israels dient, vornehmlich der Sicherheit des Landes (abgesehen von anderen, meist wirtschaftlichen Interessen). Leider haben alle israelischen Regierungen dabei übersehen, dass Israel immer unsicherer wird, je härter der Staat und die von ihm geschützten und geförderten Siedler gegen die Palästinenser vorgehen. Den vorläufigen, grauenvollen Tiefpunkt dieser Unsicherheit mussten Hunderte von Menschen in Israels „Envelope“ am 7. Oktober mit ihrem Leben bezahlen; Tausende sind innerhalb Israels binnenvertrieben, das gesamte Land ist nach wie vor wie unter Schock. Hinzu kommt die permanente Propaganda, die Israels Bevölkerung davon überzeugt sein lässt, dass im Gazastreifen nur „Terroristen“ getötet werden und ihr Militär nach wie vor „die moralischste Armee der Welt“ ist, sehr eindrücklich beschrieben im jüngsten Kommentar von Gideon Levy in Haaretz (hier in deutscher Übersetzung).

Ich schließe mich der Forderung der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem an, zitiert in der FAZ:

Die internationale Gemeinschaft muss Israel dazu zwingen, die Besatzung zu beenden. Sie muss dabei alle ihr zur Verfügung stehenden Instrumente nutzen — strafrechtliche, diplomatische und wirtschaftliche.

Dies wäre ein wahrer, ein menschlicher Freundschaftsdienst der Staaten dieser Welt: an allen friedliebenden Israelis (wenn sie denn eines Tages aus ihrem Sieges-Taumel-Trauma-Albtraum erwachen), an allen Palästinensern, am gesamten Nahen Osten und seinen Bewohnern. Und schließlich auch am Rest der Welt.
Es ist an der Zeit.


Wie Du vielleicht gemerkt hast, liebe Brieffreundin, lieber Brieffreund, habe ich mich in den letzten Monaten seltener mit einem Brief an Dich gewandt. Nicht, dass es nichts zu erzählen gäbe, im Gegenteil. Mein persönliches und berufliches Leben ist sehr bunt und aufregend und steht fast im Widerspruch zu meinem Leben als politische Aktivistin. Hier frage ich mich oft, wenn ich an ‚mein Land‘ Israel-Palästina denke, was ich denn noch alles sagen, schreiben oder singen soll, damit das Grauen endet. Kann irgend etwas, das ich von mir gebe, die Schrecken des Krieges, die mörderischen Verbrechen, das Blutvergießen beenden? Den Hass aufhalten? Die Traumata heilen?

Ich fürchte, die Antwort ist: nein. Aber vielleicht kann irgend jemand irgend etwas besser begreifen und Zusammenhänge verstehen, wenn es mir gelingt, die Zauberformel „Zeit + Kontext = Lernen“ anzuwenden. Wobei auch ich immer wieder eine Lernende bin. Darum werde ich künftig meine Quellen kuratieren und mir die Zeit nehmen, ausgewählte Artikel oder andere Informationen an dieser Stelle vorzulesen. Du bekommst also demnächst hier etwas zu hören.

Wenn Dir das gefällt, dann freue ich mich, wenn Du meine Briefe weiterleitest und andere animierst, sie als Newsletter zu abonnieren. Das ist und bleibt für alle LeserInnen kostenfrei; meine Arbeit allerdings — lesen, recherchieren, kuratieren, schreiben — verursacht Kosten und wird finanziert durch eine Community von Mitgliedern bei Steady. Wie Du schon mit 3,50 € pro Monat dabei sein kannst, erfährst Du HIER.

Herzlichst,

Praktische Solidarität

Heute teile ich nur zwei Dinge mit Dir: den Newsletter des New Israel Fund — nicht zu verwechseln mit dem Jüdischen Nationalfond, über den ich 2017 diesen Beitrag schrieb — und einen TED-Talk zwischen einem Palästinenser, Aziz Abu Sarah, und einem Israeli, Maoz Inon, dessen Eltern am 7. Oktober getötet wurden.

Ich wünsche Dir eine friedliche Woche und grüße herzlichst,

PS: Falls Du zufällig auf diesen Blog gestoßen bist, kannst Du meinen Newsletter, die „Briefe von Nirit“, kostenlos HIER ABONNIEREN. Wenn Du mich finanziell unterstützen möchtest, damit ich weiterhin frei und unabhängig meine publizistische Arbeit machen kann, dann geht das bereits ab 3,50 € im Monat mit einer Mitgliedschaft bei Steady. Gerne kannst Du diesen Brief weiterleiten!


Liebe Freund:innen des New Israel Fund (NIF) Deutschland,
letzte Woche kam es zu einer „tektonischen Kollision“ zwischen dem demokratischen und dem sogenannten kahanistischen Israel. So formuliert es die ehemalige Präsidentin des New Israel Fund Talia Sasson. Das kahanistische Israel bezieht sich auf Meir Kahane, den Vordenker des rechtsextremen, religiösen Zionismus, und manifestierte am „Jerusalemtag“erneut seine Gewaltbereitschaft: Wie jedes Jahr zogen rechtsextremistische Siedlergruppen in einem „Flaggenmarsch“ durch die muslimischen Viertel der Jerusalemer Altstadt, um ihrem Anspruch auf jüdische Vorherrschaft Ausdruck zu verleihen. Sie sangen rassistische Parolen, randalierten, beleidigten und griffen Palästinenser:innen oder Journalist:innen an. Die israelische Polizei schritt nicht ein, Kabinettsmitglieder wie der Minister für Nationale Sicherheit Itamar Ben Gvir und  Finanzminister Bezalel Smotrich nahmen am „Flaggenmarsch“ teil.

Aktivist:innen der demokratischen Zivilgesellschaft Israels, allen voran unsere Partnerorganisationen Standing TogetherRabbis for Human Rights oder Tag Meir stellten sich den gewalttätigen Siedlern entgegen. Wir sind stolz, diese Arbeit zu unterstützen. 
Vor wenigen Wochen gründete das jüdisch-palästinensische Bündnis Standing Together eine „humanitäre Garde“ aus israelischen Freiwilligen, die am Checkpoint Tarqumiya im Westjordanland LKWs mit humanitären Hilfsgütern für den Gazastreifen vor Angriffen durch Siedler beschützten. Mit Erfolg: inzwischen haben die Siedlergruppen angekündigt, die Hilfskonvois nicht weiter anzugreifen. Unser NIF-Kollege Mati Milstein hat die Aktivist:innen von Standing Together einen Tag lang begleitet und dies in einem Foto-Essay dokumentiert.

Auch am „Jerusalemtag“ war die „humanitäre Garde“ wieder im Einsatz. Sie dokumentierten Siedler- und Polizeigewalt, stellten sich vor Palästinenser:innen und ihre Geschäfte zum Schutz vor Siedlerangriffen und entfernten tags darauf rassistische Graffiti und Schmierereien. Praktische Solidarität mit den Palästinenser:innen in Ostjerusalem Inmitten des zügellosen und von israelischen Regierungsvertretern unterstützen Hasses rechtsextremer Siedler! 
Wenige Tage zuvor organisierten unsere Partnerorganisationen Tag Meir und Rabbis for Human Rights eine interreligiöse Demonstration für Menschenrechte und Frieden. Außerdem verteilten am „Jerusalemtag“ rund 200 Freiwillige von Tag Meir in einem Blumenmarsch in der Altstadt Blumen – ihre alljährliche Gegenveranstaltung zu der Siedlerparade. Lesen Sie dazu unser Interview mit Tag Meir-Gründer Gadi Gvaryahu.

Demonstrationen und Solidaritätsbekundungen allein können keinen politischen Wandel herbeiführen. Aber sie sind ein erster wichtiger Schritt, um Menschen zusammenzubringen und gemeinsam zu überlegen, wie eine bessere, friedliche und gleichberechtigte Zukunft erreicht werden kann. Wir unterstützen unsere Partnerorganisationen in Israel dabei, diesen Schritt zu gehen, sich gegen Extremismus und Gewalt, für jüdisch-arabische Partnerschaft und eine friedliche Lösung des palästinensischen Konflikts einzusetzen. Bitte unterstützen Sie uns weiterhin auf diesem Weg.

Mit besten Grüßen
Ihr Team vom NIF Deutschland e.V.
Spendenkonto: New Israel Fund Deutschland e.V. 
IBAN: DE80 4306 0967 1168 4348 00
BIC: GENODEM1GLS

Nicht schreien!

Sie sollen sich endlich mal benehmen. Sie sollen nicht so laut sein auf den Demos, sie sollen keine Fahnen schwenken und keine fragwürdigen Symbole tragen. Sie sollen nicht so herumbrüllen und nicht so kreischen, vor allem nicht die Frauen, die wenigen, wenn sie denn schon auf diesen unangenehmen Protestcamps auftauchen, einige von ihnen auch noch im Kopftuch verhüllt. Sie sollen sich nicht hysterisch auf die Brust schlagen und immer wieder ‚Allah’hu akbar‘ grölen auf diesen unerträglichen Videos aus Gaza, die wir schon nicht mehr sehen können. Sie sollen ihre getöteten Kinder nicht Märtyrer nennen. Sie sollen nicht die verbrannte Erde küssen, als wäre es nur ihre Heimat. Sie sollen nicht Deutschland oder die EU oder die USA für ihre Misere verantwortlich machen, diese Palästinenser; sie sollen lieber darüber nachdenken, wen sie sich da als Regierung ausgesucht haben, wen sie womöglich unterstützt haben all die Jahre… denn wir wissen ja: Jedes Volk hat die Führer, die es verdient.

Und wir, die wir die Palästinenser (angeblich) in ihrem Kampf um Menschenrechte, um Selbstbestimmung oder zumindest um ihre Würde unterstützen, wir sollten weder brüllen noch schreien noch kreischen und schon gar nicht unsere Stimme erheben gegen irgendwas, das mit dem Staate Israel zu tun hat. Berechtigte Kritik? Ja, klar! Jederzeit und immer, wir sind doch eine freie Demokratie! Aber wir sollten nicht (oder jedenfalls nicht laut und deutlich) dagegen protestieren, wenn von der Selbstverteidigung Israels schon lange nicht mehr die Rede sein kann bei der Unverhältnismäßigkeit der Mittel. Wir sollten israelische Rechtsextreme nicht Faschisten nennen, auch wenn sie selbst davon sprechen, stolz darauf zu sein; vor allem sollten wir das nicht in aufgebrachtem Ton und sich überschlagender Stimme tun. Von uns sollte man doch erwarten können — anders als von diesen Arabern, die sich Palästinenser nennen — dass wir zivilisiert miteinander umgehen, dass wir kultiviert und bedacht (wie eben werteorientierte Westler sind) über diese Dinge diskutieren, und zwar bitte ausgewogen. Von uns wird man doch erwarten dürfen, dass wir wirklich mal besser nachdenken, wo wir ein Herzchen oder einen ‚Daumen hoch‘ setzen in unserer meist stummen Wut und Verzweiflung. Und wehe, wir vergessen einmal die Geiseln zu erwähnen, die zweifellos unerträglich leiden — allein dies wäre schon ein Anzeichen von verstecktem Antisemitismus, Israel- oder gar jüdischem Selbsthass.


Ich kann nur sagen: Worüber wir hierzulande reden, ist angesichts der menschlichen Katastrophen und des Blutvergießens unerträglich: 1.200 getötete Zivilisten in Israel, rund 45.000 getötete Palästinenser in Gaza, über 350 getötete israelische Soldaten in Gaza und damit tausende israelische Familien traumatisiert; in Gaza sind 80% aller Schulen zerstört, 100% aller Universitäten, kein Krankenhaus mehr intakt, Menschen verhungern, weit über 100.000 Verletzte, für die es kaum Behandlungsmöglichkeiten gibt, die gesamte Bevölkerung vertrieben und traumatisiert; in der Westbank brandschatzen jüdische Siedler, Hauszerstörungen, Tötungen, Verhaftungen, Folter wie in Sde Teiman finden täglich statt.

Und in Deutschland hat eine Uni-Präsidentin einen fragwürdigen Post geliked. Worum, bitte, geht es hier eigentlich?!?

Daher meine Bitte: Unterschreibe den Brief zur Unterstützung der Berliner TU-Präsidentin Geraldine Rauch! Hinter diesem Link findest Du alle Informationen und die Liste der Unterzeichner. Und bitte gehe heute wählen! Es gibt Parteien, die sich u.a. für die Rechte von Palästinensern einsetzen, für einen schnellen Waffenstillstand (nicht nur in Nahost, sondern auch in der Ukraine und anderswo in der Welt), für Frieden statt für Krieg, für Gerechtigkeit statt Spaltung, für den Abbau von Armut und mehr Gleichheit unter den Menschen statt Ausgrenzung und Wohlstand für Wenige. Solltest Du Dich für völlig unpolitisch halten oder verunsichert sein, dann höre auf Dein Herz und wähle in Deinem täglichen Leben einfach Freundlichkeit statt Streit, Freude statt Schmerz, Schwester- und Brüderlichkeit statt Einzelkämpfertum. Das wird uns allen in dieser schwierigen Zeit helfen. Auch politisch.

Danke und herzlichst,


Kommentar von Stefan Detjen: „Deutschland muss seine Nahostpolitik korrigieren“
„Leuchtfeuer der Demokratie“: Statement von Professoren bei der Bundespressekonferenz am 21. Mai 2024
„Von Gaza nach Hamburg“: Vortrag von Prof. Norman Paech, Völkerrechter (HH) und Dr. Wesam Amer (Gaza)

UN-Organisation OCHAoPT zur gegenwärtigen Lage in der Westbank

Bilder sagen mehr als tausend Worte…
Al Mezan Center for Human Rights
Visualizing Palestine
B’tselem

Wir könnten, wenn wir wollten

Liebe Brieffreundinnen und Freunde,

heute möchte ich eine Sammlung von Texten, Videos und Veranstaltungshinweisen mit Euch teilen, denn es ist alles gesagt, gefilmt, gestreamt… aber vielleicht noch nicht genügend geteilt in der Welt. Bitte lies wenigstens die kurzen Abschnitte, die ich aus einzelnen Beiträgen ausgewählt habe, oder suche Dir ein, zwei Beiträge heraus, um ein differenziertes Verständnis der globalen Krisensituation, im Besonderen der Situation in Gaza und Israel, zu vertiefen. Bei den Veranstaltungen freue ich mich besonders auf Chemnitz, wo ich auf dem Grundstück, auf dem das Haus meiner Großeltern stand und wo mein Vater seine Kindheit und Jugend verbrachte, bei einer Lesung dabei bin.

Gerne kannst Du diesen Brief weiterleiten, und gerne kannst Du meine Arbeit mit einem „Paket“ bei STEADY finanziell unterstützen. Das geht schon ab 3,50 €/Monat — das ist etwa der Preis für eine Tasse Kaffee. Die können wir gerne mal (live oder virtuell) zusammen trinken.

Herzlichst,

Fabian Scheidler schreibt in der Berliner Zeitung:
(…) Hier begegnen uns bereits die beiden wesentlichen Charakteristika der Kriegslogik. Zum einen die extreme Disproportionalität zwischen Ereignis und Reaktion. Die Bedrohung durch den Feind wird überdimensional groß gezeichnet, die Antworten stehen in keinem Verhältnis zur ursprünglichen Tat. Zum anderen die Unfähigkeit, den Kreislauf von Ursache und Wirkung zu erfassen. Gewaltakte wie Terroranschläge werden als geschichtslose Manifestationen eines Urbösen gedeutet, die Welt zerfällt in eine manichäische Dualität von Gut und Böse, die keine Komplexität, keine Schattierungen mehr zulässt. Eine Analyse der Ursachen und der Vorgeschichte findet nicht statt, insbesondere nicht, wenn es um eigene Fehler oder gar eine Mitschuld geht. Im Gegenteil: Wer die Entstehungsgeschichte der Gewalt und die Rolle der eigenen Regierungen dabei thematisiert, wird der Relativierung und Verharmlosung des Feindes bezichtigt. (…)
Den ganzen Artikel findest Du HIER.

Ein weiterer Artikel von Fabian Scheidler in der Berliner Zeitung befasst sich mit dem vor zwei Wochen gewaltsam aufgelösten Palästina-Kongress:
(…) Wer sich heute in Deutschland auf die UN, das Völkerrecht und anerkannte Menschenrechtsorganisationen beruft, wird zur Persona non grata, zum Israelhasser, zum Antisemiten erklärt. Und nicht nur das: Er hat inzwischen sogar mit einem Einreise- und Betätigungsverbot zu rechnen, wie etwa der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis und der weltweit renommierte britisch-palästinensische Chirurg und Rektor der Universität Glasgow, Ghassan Abu-Sittah, der am Berliner Flughafen mehrere Stunden festgehalten und dann zurückgeschickt wurde. Sittah hatte im Oktober und November für Ärzte ohne Grenzen im inzwischen zerstörten Al-Schifa-Hospital in Gaza während der ersten Phase der Bombardierungen gearbeitet und dem Internationalen Gerichtshof im Januar über seine Erfahrungen Bericht erstattet. Er und Varoufakis waren für den 12. bis 14. April zu einer Palästina-Konferenz in Berlin eingeladen, an der auch zahlreiche jüdische Teilnehmer beteiligt waren. (…)


Der Göttinger Jura-Professor Kai Ambross gibt im Tagesspiegel ein Interview, in dem er Stellung bezieht zu Israels völkerrechtswidriger Besatzungspolitik und die Bundesregierung scharf kritisiert. Sehr viel fachlich-juristisch detaillierter äußert er sich im Verfassungsblog unter der Überschrift Scharfgestellte Staatsräson.


Amos Goldberg, israelischer Holocaust- und Völkermordforscher an der Hebräischen Universität, hat u.a. das Werk Holocaust und Nakba zusammen mit dem palästinensischen Forscher Bashir Bashir herausgebracht. Am 18. April 2024 schreibt er in ThePalestineProject: Yes, it is genocide (deutsche Übersetzung HIER)


Michael Lüders spricht in seiner neuesten Video-Folge über die (Nicht-)Pläne zur Zukunft des Gazastreifens. Besonders bemerkenswert sind die vielen Aussagen israelischer und internationaler Politiker, die er hier zitiert.


Der Journalist Jonathan Cook aus Nazareth über das Versagen der meisten Medien, neutral und unabhängig über das Geschehen im Nahen Osten zu berichten. Er sagt: Wenn wir wollten, dann könnten wir … (…wissen; den Krieg beenden; die Schuldigen bestrafen):

(…) It can be done – if there is a will to do it.
Journalists at the BBC and the rest of the establishment media understand, however implicitly, that their job is to fail. It is to fail to investigate the genocide in Gaza. It is to fail to give voice to the powerless. It is to fail to provide context and aid understanding. It is to fail to show solidarity with their colleagues in Gaza being killed for their journalism.
Rather, the BBC’s role is to protect the political establishment from ever being held to account for their complicity in genocide.
The establishment media’s job is to create the impression of uncertainty, of doubt, of confusion – even when what is happening is crystal clear.
When one day, the World Court finally gets round to issuing a ruling on Israel’s genocide, our politicians and media will claim they could not have known, that they were misled, that they could not see clearly because events were shrouded by the “fog of war”.
Our job is to explode that lie, to deny them an alibi. It is to keep pointing out that the information was there from the start. They knew, if only because we told them.
And one day, if there is any justice, they will stand in the dock – at the Hague – their excuses stripped away. (…)

Hier sein Artikel Why the media have failed Gaza.


Dem amerikanischen Pulitzer-Preisträger, ehemaligen Nahost-Korrespondenten der New York Times und aufrechten Journalisten Chris Hedges wurde nach zwei Jahren die Zusammenarbeit mit THE REAL NEWS NETWORK aufgekündigt. Dort konnte er seine wöchentliche Interview-Show The Chris Hedges Report regelmäßig aufzeichnen. Der Aufkündigung des Arbeitsverhältnisses folgte dieses Interview auf TRT, was zum öffentlich-rechtlichen türkischen Fernsehen gehört.


Veranstaltungen:

Am 7. Mai wird die Nakba-Ausstellung gegen massiven Widerstand der Stadt München durch den renommierten Holocaustforscher Prof. Wolfgang Benz eröffnet. Sehr empfehlenswert!


Am 10. Mai, dem Tag der Bücherverbrennung vor 91 Jahren (10. Mai 1933), wird erstmals eine Lesung an dem Ort stattfinden, an dem das Elternhaus meines Vaters in Chemnitz stand. Am ehemaligen Antonplatz 15 werde ich zusammen mit anderen Menschen aus Chemnitz aus verbrannten Büchern und anderen Texten gegen Unrecht und Ausgrenzung lesen.
(für ganze Info aufs Bild klicken bzw. scrollen)


Mitte Mai wird in Israel der Unabhängigkeitstag gefeiert; am 14. Mai 1948 rief David Ben-Gurion den Staat Israel aus. Für Palästinenser ist er der Gedenktag an die Nakba: die Vertreibung von fast 800.000 Palästinensern in den Jahren 1947/48 und die komplette Zerstörung ihrer Dörfer und Städte, etwa 450 an der Zahl. Am 15. Mai findet am Ort des Geschehens eine Zeremonie statt, die der Opfer beider Seiten gedenkt. Dem Joint Memorial Ceremony kann man virtuell beiwohnen. HIER kannst Du Dich für das Online-Event registrieren.
So sah es letztes Jahr aus:


Vom 1. bis 12. Mai findet das Münchner DOK-Filmfestival mit über 100 spannenden internationalen Dokumentationen statt. Vom 6. bis 20. Mai kann man sich die meisten Filme deutschlandweit ansehen. Besonders möchte ich auf die Filme SHAHID und EINHUNDERTVIER aufmerksam machen.

None of us are free, if one of us is chained

Juden in aller Welt feiern heute das Pessachfest — die Christen kennen es als ‚Letztes Abendmahl‘. Es wird des Auszugs aus Ägypten gedacht, der Befreiung aus der Sklaverei, der Rettung des jüdischen Volkes mit Gottes Hilfe und dem Zutun einiger anderer wichtiger Akteure wie Moses, der als Findelkind von der Tochter des Pharao aus dem Schilfmeer gerettet wurde. Moses Schwester Mirjam schlug dem Hof vor, deren Mutter als Amme zu beschäftigen, und so wuchs Moses mit der Milch seiner Mutter — als Jude unerkannt und zunächst ohne das Wissen über seine Herkunft — bei den ägyptischen Royals auf. Dieser Umstand verschaffte ihm sowohl königliche Privilegien als auch eine gewisse (transgenerationale?!) Bindung zu seiner Herkunftsfamilie, zu seinem Stamm; jedenfalls setzte er sich in hohem Erwachsenenalter für seine Leute ein und bekniete den Pharao: Let my People go! Er bat und bettelte, er bekniete seinen Adoptivvater und versuchte, ihn ständig mit neuen Argumenten zu überzeugen. Doch jedes Mal, wenn der sich erweichen ließ und Versprechungen machte und es ernst wurde mit der bevorstehenden Befreiung, ließ er seine Soldaten aufmarschieren und sorgte mit brutaler Härte dafür, dass ihm seine billigen Arbeitskräfte erhalten blieben. Moses griff irgendwann zu rabiateren Methoden, um die Freilassung seiner Leute durchzusetzen. Ob es tatsächlich Gott persönlich war, mit dem er immer wieder Unterredungen hatte und der ihm tatkräftig zur Seite stand, oder ob es doch eine Art Guerilla-Untergrund-Geheim-Armee war, die fürchterliche Anschläge auf die Ägyptische Zivilbevölkerung verübte (schließlich waren die jüdischen Männer durch die harte Arbeit am Pyramidenbau besonders stark, abgesehen von jenen, die diese brutalen Zustände gar nicht erst überlebten) — wir werden es nie erfahren. Jedenfalls gab es schreckliche Verluste unter den ägyptischen Zivilisten, was biblisch in den zehn Plagen beschrieben wird.

Besonders grausam fand ich schon als Kind die Geschichte vom Töten der Erstgeborenen, wobei ich ‚Erst‘ mit ‚Neu‘ verwechselte und daher das Bild von niedergemetzelten Neugeborenen vor Augen hatte: ermordete Babys in den Armen ihrer verzweifelten Mütter. Angeblich ging der Todesengel von Haus zu Haus und tötete jeden Erstgeborenen in Ägypten, ganz gleich, ob es die Erstgeborenen im Königshaus oder die der eingekerkerten Verbrecher waren. Sogar die erstgeborenen Tiere wurden nicht verschont. Und damit der Todesengel keinen Fehler macht und versehentlich einen jüdischen Erstgeboreren tötet, gab es das geheime Zeichen, das mit Opferblut an den Türstock gepinselt wurde: Hier musst Du vorüberziehen, hier darfst Du die Schwelle nicht überschreiten! ‚Vorüberziehen‘ oder ‚vorbeigehen‘ ist übrigens im Hebräischen die wörtliche Bedeutung von ‚Pessach‘. Spätestens hier liegt die Vermutung nahe, dass es sich doch um eine Gruppe von gut trainierten Guerillakämpfern gehandelt haben muss, denn ein Gott in Gestalt des Todesengels hätte doch nicht eines so banalen Zeichens am Türrahmen bedurft, nicht wahr? Die jüdischen Untergrund-Jungs, sowas wie eine frühe Palmach-Truppe, waren in dunkler Nacht durchaus auf diesen Hinweis angewiesen.

Nach diesem Gemetzel, dem härtesten der zehn Ausbruchsversuche der Kinder Israels, bei dem auch der Sohn des Pharao ums Leben kam, war dieser so weichgekocht, dass er Moses die Erlaubnis gab, sein Volk aus Ägypten herauszuführen, unter der Bedingung, dass sie sofort verschwinden würden. So blieb ihnen also keine Zeit, Proviant vorzubereiten; der Teig fürs Brot ging nicht auf und blieb ungesäuert, was uns bis zum heutigen Tag die staubtrockene Freude der Mazza beschert hat. Wir essen sie sieben Tage lang zum Gedenken an den Auszug aus Ägypten, an die Befreiung aus der Sklaverei und der vierzigjährigen beschwerlichen Wüstenwanderung.

Für mich ist seit vielen Jahren klar: Die wunderbare, wenn auch leider nicht gewaltfreie Erzählung, dass ein Volk sich aus eigener Kraft und unter Hinnahme vieler Opfer den Weg in die Freiheit bahnt, gilt nicht nur für Juden. Darum feiern wir seit je her mit und für Freundinnen und Freunde in aller Welt, die immer noch für Freiheit und Selbstbestimmung kämpfen: mit Christen und Muslimen, People of Colour, Lesben und Schwulen, Palästinensern, Atheisten — und natürlich mit Israelis und Juden.

FRIEDEN UND FREIHEIT FÜR ALLE MENSCHEN!

CHAG PESSACH SAMEACH

NON OF US ARE FREE, IF ONE OF US ARE CHAINED!


Wenn Dir mein Newsletter gefällt, leite ihn gerne weiter. Wenn Du meine Arbeit unterstützen möchtest, was schon ab weniger als 4 € monatlich möglich ist, dann sieh Dir diese Pakete auf Steady an. Danke!

Die Waffen nieder!

Liebe Brieffreundin, lieber Brieffreund,

heute möchte ich Dich auf zwei Veranstaltungen hinweisen, an denen ich mitwirke, beide jeweils montags und beide (zufällig?) in Hessen:
Am kommenden Montag werde ich mit meinen Musikerfreunden Andi Arnold (Klarinette) und Pit Holzapfel (Gitarre, Posaune, Percussion und Geräusche) unser Programm DAHEIM ENTFREMDET in Darmstadt geben:

Montag, 25. März 2024, 19.30 Uhr
Theater im Pädagog
Pädagogstr. 5, Darmstadt

Veranstaltet durch Darmstädter Friedensbündnis

Am Montag drauf, also am Ostermontag, den 1. April, werde ich in Frankfurt am Main bei der Abschlusskundgebung des traditionellen Ostermarsches ab ca. 13 Uhr eine Rede auf dem Römerberg halten. Hier findest zu Infos zum Frankfurter Ostermarsch und generell zu den Oster-Friedensmärschen hier bei der Friedenskooperative.


Friedensbewegt sollten wir alle dieser Tage sein, und wer sich bewegen kann, sollte dies auch tun, sollte aufstehen und marschieren und zeigen: Wir sind mehr! Wir lassen uns nicht durch die Bellizisten und Kriegstreiber blenden, die zwar die Macht, aber nicht die Mehrheit der Weltbevölkerung haben. Diese – jedenfalls die allergrößte Mehrheit unserer Schwestern und Brüder – will nämlich nichts weiter als in Frieden leben. Über der Armutsgrenze, ja, und selbstbestimmt und auf der Basis von Gerechtigkeit, ohne Diskriminierung und vor allem ohne Gewalt. Das mag noch kein Frieden sein, aber ein Leben ohne (kriegerische) Gewalt wäre für die Menschen, die Krieg und Vertreibung und Angst und Hunger erleben mit Sicherheit erstrebenswerter als der gegenwärtige Horror, dem alle Menschen weltweit in kriegerischen Auseinandersetzungen ausgeliefert sind. Darum, um mit Bertha von Suttner zu sprechen, sende ich Dir und Deinen Lieben einen herzlichen Gruß zum Frieden: DIE WAFFEN NIEDER!

Herzlichst,

Hier ein paar Lese-Tipps:

Julian Nida-Rümelin im FREITAG: Warum wir einen Waffenstillstand brauchen

Tomas Avenarius in der SZ zur Premiere von NO OTHER LAND im Westjordanland: Kein schöner Land

General a. D. Harald Kujat in Berlin über Ukraine-Krieg und den geopolitischen Wandel auf Youtube (sehr spannend ab 02:57)

Mahmoud Mushtaha im Magazin +972:
‘We scream, starve, and die alone’: Life in the ruins of Shuja’iya

Hier ein Aufruf der Jahalin Solidarity, eine israelisch-palästinensische NGO, die die Jahalin-Beduinen unterstützt, die östlich von Jerusalem leben und deren Häuser gerade wieder von Bulldozern zerstört wurden (was die EU verurteilt hat, immerhin):

Und schließlich noch was zum Schmunzeln, wenn es nicht eigentlich so unfassbar absurd und beleidigend wäre: Der jüdische Israeli Moshe Zuckermann wird mit falschen Behauptungen und Unwissenheit ausgerechnet vom Referenten des höchsten deutschen Antisemitismusbeauftragten des Antisemitismus bezichtigt. Hier seine Replik.

Hunger

Laut UNICEF sterben bereits jetzt die ersten Kinder an Unterernährung. Einem kürzlich erschienenen Bericht der London School of Hygiene and Tropical Medicine, Health in Humanitarian Crises Center und des Johns Hopkins Center for Humanitarian Health zufolge werden selbst im günstigsten Fall eines sofortigen dauerhaften Waffenstillstands in den nächsten sechs Monaten mehr als 6.500 Menschen im Gazastreifen sterben, weil die Ernährungslage, die Unterkünfte, die sanitären Einrichtungen und die Gesundheitsversorgung in der Enklave derartig desolat sind. Hält der Krieg jedoch an, steigen ihre Prognosen für denselben Zeitraum auf 58.200 bis über 74.000 Tote. (aus dem aktuellen Newsletter von medico international)

Prof. Devi Sridhar, Inhaberin des Lehrstuhls für globale öffentliche Gesundheit an der Universität von Edinburgh, schreibt im Guardian:

Es mag Ihnen schwer fallen, die Nachrichten weiter zu lesen, aber denken Sie an die Menschen in Gaza, vor allem an die Kinder, die absichtlich ausgehungert werden. Die ständigen Schmerzen im Bauch, die Lethargie, der langsame Abbau aller Fettspeicher, dann der Muskeln, dann des Körpergewebes. Das kommt vielleicht nicht in die Abendnachrichten oder auf TikTok, weil es weniger sichtbar ist als Bomben und nicht in kurze Clips passt. Aber für die meisten ist es die Realität des Lebens in Gaza und tragischerweise die größte Bedrohung, der sie in den kommenden Tagen ausgesetzt sind.

(aus: I asked public health colleagues about starvation in Gaza. They say there is no precedent for what is happening; The Guardian vom 6. März 2024)

Unterdessen gibt es in Deutschland Banken, die Spenden nicht annehmen, wenn im Betreff „Hilfe für Gaza“ angegeben ist. Wie ist das zu begreifen? Steht „Gaza“ seit dem 7. Oktober kollektiv für das ultimativ Böse? Nimmt man in Deutschland an, dass Mitleid mit hungerleidenden Kindern, mit Vertriebenen und Verwundeten ein Ausdruck von Antisemitismus ist? Dass Hilfsbereitschaft für obdachlose Kriegsflüchtlinge den Menschen in Israel das Recht auf ihre Existenz abspricht? Stehen Empathie und Solidarität mit einer geschundenen palästinensischen Bevölkerung als Synonyme für Israel- oder gar Judenhass? Geht die vielzitierte „uneingeschränkte Solidarität mit Israel“ zwingend Hand in Hand mit dem konsequenten Wegschauen von einer der größten humanitären Kriegs- und Hungerkatastrophen der Neuzeit?

Was in Gaza geschieht, während Du diese Zeilen liest, muss ein Ende finden, und zwar sofort. Das wird nur geschehen, wenn Israel seine Kampfhandlungen einstellt und beide Seiten nicht permanent die Verhandlungen über die Freilassung der Geiseln und einen sofortigen Waffenstillstand torpedieren. Denn eines ist klar: Am Ende des Tages werden es Verhandlungen sein, die den Krieg beenden, nicht ein militärischer Sieg, Doch das offizielle Israel scheint daran kein Interesse zu haben. Daher müssen die USA, muss die EU und Deutschland zumindest ihre Waffenlieferungen an Bedingungen knüpfen (sagt die Realpolitikerin in mir; mein wahres Ich sagt: Gar keine Waffen mehr! Schluss mit allen Kriegen! Schwerter zu Pflugscharen!).

Wer es wagt, sich vor Ort einen eigenen Eindruck von der Situation zu veschaffen wie der SPD-EU-Abgeordnete Udo Bullmann, kann nicht mehr mit der offiziellen deutschen Regierungshaltung mitgehen. Im DLF-Interview berichtet er von seinen Eindrücken und kritisiert Israels Vorgehen scharf. Er fordert auch eine Überprüfung des EU-Assoziierungsabkommens mit Israel, sprich: Sonder(Handles-)konditionen zwischen der EU und Israel müssen endlich an Bedingungen geknüpft werden, die zu einem Ende des Krieges führen.

Ich weiß, wir können nicht alle vor Ort selbst Augenzeugen werden. Aber wir können uns auch nicht erlauben, die Augen zu verschließen, während uns der Horror in Echtzeit ins Haus gestreamt wird. Wir müssen uns wieder auf das Wesentliche, auf unsere Menschlickeit besinnen in unseren Diskussionen und unseren Forderungen. Es ist bereits so viel zerbrochen innerhalb unserer eigenen Gesellschaft; so viel Spaltung, so viel Ausgrenzung, Misstrauen und Empathielosigkeit in Diskursen, die man gar nicht mehr so nennen kann. Ich appeliere an uns alle: Lasst uns wieder in Berührung kommen mit unserem eigenen Menschsein. Lasst uns im eigenen Kreis, in unseren persönlichen Begegnungen freundlich miteinander sein, einander zuzuhören, bevor wir mit unserer eigenen Meinung vorpreschen. Lasst uns den Mut haben, uns immer wieder in die Schuhe der anderen zu stellen — gerade wenn sie ganz andere Meinungen vertreten als wir. Wenn wir es ernst meinen mit Demokratie, Pluralismus, Meinungsfreiheit und Menschenrechten, dann müssen wir einiges aushalten, vor allem unsere Mitmenschen und die Vielfalt ihrer Meinungen und Ansichten.

Hier noch ein paar Bilder und Videos aus Gaza. Und der Versuch einer Erklärung in diesem SRF-Beitrag mit Gideon Levy, warum die Wahrheit über die Geschehnisse uns selten erreicht. Sehr gut zu diesem Thema auch diese Analyse von Sana Saeed.

Herzlichst,

Wenn Du meine Arbeit unterstützen und noch mehr Inhalte sehen möchtest, dann wähle eines von drei „Mitgliedschafts-Paketen“ bei Steady aus. Mit einem monatlichen Beitrag ab 3,50 € bist Du dabei. Probiere es einen Monat lang kostenfrei aus! Hier geht’s zu allen Steady-Infos. Danke!

Fünf Monate zuviel

Ganze fünf Monate dauert das Gemetzel nun schon an, das am 7. Oktober 2023 mit den unerträglichen Gewalttaten der Hamas begann und noch am selben Tag mit Vergeltungsmaßnahmen der israelischen Armee beantwortet wurde. Seither haben Abertausende sinnlos ihr Leben verloren, die meisten von ihnen Kinder, darunter Dutzende israelische und Tausende palästinensische. Weit über 100.000 Menschen sind verletzt, für immer verstümmelt, leiden Schmerzen, Tag und Nacht. Über 20.000 Kinder sind Vollwaisen geworden, 1,7 Millionen sind innerhalb Gazas vertrieben. Zehntausende Wohngebäude wurden zerstört, an eine Rückkehr ist am ‚Tag danach‘ nicht zu denken. Man spricht schon von den intensivsten kriegerischen Bombardements der neueren Geschichte. Über 100 Geiseln sind immer noch nicht frei.

Wann wird dieser grausame, sinnentleerte Wahnsinn endlich enden? Was können wir, die wir eine Stimme haben, tun, um der Gewalt Einhalt zu gebieten? Wir streiten uns um Begrifflichkeiten — ist es ein Genozid oder nicht? Wie definiert man Völkermord? Wie viele Tote braucht man, um von einem Massaker zu sprechen? Dabei driften wir mehr und mehr auseinander, bezichtigen uns der Falschmeldungen, müssen uns gegen absurde Vorwürfe verwehren („Warum haben Sie nicht die Opfer der Hamas zuerst erwähnt?“). Es scheint nur noch darum zu gehen, ob Kritik an Israels Militäraktionen antisemitisch ist (nein!), ob Israel das Recht auf Selbstverteidigung hat (ja! Ach, hätte Israel nur seine Bürger am 7. Oktober verteidigt!!) und dass man angeblich ohnehin nichts glauben kann, egal aus welcher Quelle die Information stammt.

Das alles ist mir zu oberflächlich, nicht differenziert genug. Und es geht am eigentlichen Problem vorbei. Dieses ist, dass zwei Völker ein und dasselbe Land beanspruchen. Und niemand über machbare Lösungen für dieses Dilemma spricht. Es gibt viele Ursachen dafür, warum Palästinenser und Israelis dieses Land (noch?!) nicht friedlich miteinander teilen. Darüber und über Vieles mehr werde ich sprechen am kommenden

Mittwoch, den 6. März um 19.30 h
mit Dekan i.R. Hans Dieter Strack
im Evangelischen Gemeindehaus Ebersberg


Hier noch ein Hinweis auf zwei besonders lesens- und sehenswerte Beiträge. Weil sie so persönlich sind. Weil man so sehr die Trauer und die Verzweiflung spürt. Weil man so sehr möchte, dass es endlich aufhört.

Amira Hass, die einzige israelische Journalistin in Ramallah:
Israel and Gaza, a Few Years from Now

Eine Gruppe deutscher Anwälte und Anwältinnen hat am 23. Februar 2024 im Namen von deutsch-palästinensischen Familienangehörigen aus Gaza Strafanzeige gegen Mitglieder des Bundessicherheitsrats erstattet. Hier spricht eine der persönlich betroffenen Anzeigenerstatterinnen, Nora Ragab, auf der Pressekonferenz:


Noch ein letzter Hinweis: Gestern erschien in der Berliner Zeitung mein Artikel Warum Israelis kein Interesse daran haben, den Krieg zu beenden. Bitte generös weiterverbreiten — Danke.

Herzlichst,

Wenn Du noch mehr von mir lesen oder sehen willst, dann werde STEADY-Mitglied. Wie das geht, kannst Du hier mit Klick aufs Bild herausfinden und 30 Tage lang gratis testen:

Israelis verstehen

Sie essen Gras in Gaza. Wissen die Menschen das nicht in Tel Aviv?

Sie, die überlebt haben, sind aus dem Norden geflohen, wenn sie noch gehen konnten. Sie sind weiter nach Süden gezogen, wenn sie noch Beine und Arme hatten, und haben diejenigen getragen, deren Gliedmaßen oft ohne Narkose und Schmerzmittel amputiert wurden. Ihnen wurde eine safe zone versprochen, aber in Wahrheit sind sie nirgendwo sicher. Ihnen wurden auch andere Versprechungen gemacht: dass kein Stein auf dem anderen bliebe, dass man sie ausmerzen würde, vernichten und vertreiben wie Tiere, ihnen Treibstoff für ihre Generatoren entziehen, ihnen den Zugang zu Lebensmittel und Wasser verweigern. Diese Versprechen werden gehalten. 

Das Internet ist voll von Berichten und Videos von nicht enden wollenden schweren Bombenangriffen auf Gaza und ihre verheerenden Folgen. Seit dem 7. Oktober sind dort über 36.000 Menschen getötet worden, wenn man die rund 8.000 dazu zählt, die als „vermisst“ gelten und die vermutlich verletzt unter Schutt auf ihren langsamen Tod warten oder mittlerweile verwesen. Dazu kommen an die 70.000 Verletzte, denen von einstmals 36 Krankenhäusern keines mehr voll funktionsfähig zur Verfügung steht. Wer nicht tot oder verwundet ist, hat sein Zuhause, Freunde und Verwandte verloren, leidet Hunger und ist auf der Flucht innerhalb des eigenen Gefängnisses. Das betrifft etwa 90% aller Menschen in Gaza. Fast zwei Millionen Menschen. Über die Hälfte von ihnen Kinder. In Gaza droht die weltweit größte Hungerkatastrophe, bereits jetzt sind neun von zehn Kindern unterernährt. Krankheiten grassieren, vor Epidemien wird gewarnt. 

Am 10. Februar 2024 hat Benjamin Netanyahu die Evakuierung von 1,4 Millionen Menschen aus Rafah, dem südlichen Gazastreifen, angeordnet. Evakuierung bedeutet: in die Wüste schicken. Auf die ägyptische Sinai-Halbinsel. Anderthalb Millionen Menschen, die innerhalb des Gazastreifens bereits mehrfach vertrieben wurden, nachdem ihre Vorfahren 1947/48 bereits als Vertriebene aus den umliegenden Dörfern dorthin deportiert wurden. 

Die Mehrheit der Weltgemeinschaft ist darüber entsetzt. Das zeigt eine Abstimmung in den Vereinten Nationen zu einem sofortigen Waffenstillstand, bei der 153 Länder dafür stimmten, 10 dagegen. 23 Länder enthielten sich, darunter auch Deutschland. In Deutschland geht die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung sicher nicht konform mit der Meinung der deutschen (= israelischen) Regierung und der allermeisten Medien, die immer noch vom „Recht Israels auf Selbstverteidigung“ schwadronieren. Aber was denken Israelis? Steht wirklich die Mehrheit der jüdischen Israelis hinter dem Regierungskurs des „Krieg bis zum totalen Sieg“?

Die allermeisten Israelis wissen nicht, was in Gaza derzeit wirklich passiert. Klingt nicht plausibel, ist aber so. Die allermeisten Israelis sehen den ganzen Tag fern oder lesen, wie viele andere Leute auch, die Schlagzeilen in den Sozialen Medien, so wie der Algorithmus es ihnen vorgibt. Hier wie dort erfahren sie, dass ganz Gaza bevölkert ist von Terroristen; manche von ihnen würden Zivilisten, Krankenhäuser und UN-Einrichtungen für ihre terroristischen Zwecke missbrauchen. Ihr einziger Lebenszweck sei es, Juden, vor allem israelische, zu vernichten. Diese Sichtweise basiert auf jahrzehntelang gelieferten Informationen, die Israelis durch Medien und Regierung, aber auch in Schulen und bei den meisten sozialen Interaktionen angeboten werden. Dabei lernen sie, dass Araber (von Palästinensern ist eigentlich nie die Rede) Juden hassen, wir wiederum sie hassen und dass sich daran niemals etwas ändern werde. Sie lernen, dass Araber ungebildet seien, immer nur Hass und Rache im Schilde führen, keine eigene Kultur kennen und nicht mal ihre Kinder so sehr lieben, wie sie uns hassen. Das hatte Golda Meir uns schon vor über 50 Jahren gelehrt, das führte sie als Begründung dafür an, dass es niemals Frieden mit den Arabern geben werde, solange sie uns mehr hassen als ihre Kinder zu lieben. 

Der Schock des 7. Oktober hat sämtliche Traumata der jüdischen Israelis aktiviert. Zweifels ohne steckt in uns allen die generationenübergreifende Erinnerung an Vertreibung, Ausgrenzung und Vernichtung. Zweifels ohne gab es darüberhinaus in den vergangenen 75 Jahren seit Staatsgründung für jüdische Israelis dramatische und traumatische Erlebnisse von Gewalt, sei es bei den zahllosen Kriegen und Militäreinsätzen oder bei Terroranschlägen auf zivile Ziele. Dabei haben alle israelischen Regierungen immer dafür gesorgt, dass zwei Grundsätze im israelischen Bewusstsein manifestiert wurden:
1. Wir sind immer die Opfer, die angegriffen werden. 
2. Es gibt weder einen historischen Kontext noch jedwede Rechtfertigung für Gewaltausbrüche; sie werden ausschließlich aus Hass gegen uns entfacht.

Die grausamen, in diesem Ausmaß nie da gewesenen Gewalttaten der Hamaskämpfer am 7. Oktober haben diese Grundannahmen bestätigt. Israelis haben den realen Schmerz, den ganz Israel kollektiv erfasst hat, auch individuell wirklich empfunden. Ohne Ausnahme kennt jede und jeder Israeli jemanden, der direkt von den Angriffen am 7. Oktober betroffen war. Sämtliche regierungsnahen Medien — und bis auf die Tageszeitung Haaretz sind sämtliche Medien regierungsnah — haben ununterbrochen dafür gesorgt, dass grausame Bilder des Horrors israelische Wohnzimmer, Tablets und Handys erreichten. Dazu gehörten auch Nachrichten von enthaupteten Babys, die im Nachhinein zweifelsfrei als Falschmeldungen identifiziert wurden, aber bis heute in den Köpfen der Menschen stecken. Diese Nachrichten- und Bilderflut blieb nicht ohne Effekt. Selbst offene, liberale, progressive Israelis sind bis heute, vier Monate danach, nicht in der Lage, die Situation mit etwas Abstand zu betrachten. Kaum jemand ist bereit, in anderen Medien, sprich dem Internet, nach Informationen zu suchen, die ein anderes Bild von Gaza erzeugen könnten als das einer dunklen kollektiven Terrorzelle. 

Unschuldige Kinder? Schwangere Frauen und Fehlgeburten? Verhungernde Babys? Verletzte ohne medizinische Versorgung? Verzweifelte Menschen in überfüllten Zeltlagern? Diese Videos (wie hier oder hier oder hier) sehen Israelis sich nicht an, das alles gibt es in ihrem kollektiven Bewusstsein nicht. Wie soll man auch an so etwas glauben, wenn man vom Kindergarten an lernt, dass Palästinenser uns all das neiden, was wir in dieser Wüste erschaffen haben und uns daher und ohne jeden vernünftigen Grund vernichten wollen und nur unsere tapferen Soldaten mit Gewehren und Panzern unser Leben verteidigen können? Und dass alle um uns herum Feinde sind, die uns ins Meer werfen wollen und dass es niemanden auf der anderen Seite gibt, mit dem man reden kann? Wer von Opfern auf der anderen Seite spricht, ist ein Verräter, so wie der Lehrer Meir Baruchin, der seinen Job verlor, inhaftiert wurde und Morddrohungen bekommt. 

Unterdessen blockiert eine Menschenmenge religiös-nationaler Israelis die Einfahrt nach Gaza, um Hilfsgüter nicht durchkommen zu lassen. Diese Frau hier spricht vielen Israelis, auch weniger radikalen, aus der Seele, wenn sie euphorisch von der gelungenen Blockade der Lastwagen erzählt, die mit Lebensmitteln beladen nun nicht nach Gaza rollen.

Nur wenige Israelis wagen es, ihre Stimme für einen Waffenstillstand oder für Verhandlungen mit der Hamas zu erheben. Interessanterweise sind es am ehesten noch Angehörige der Geiseln, die vehement dafür protestieren, die Prioritäten neu zu setzen, also auch zu verhandeln. Denn die Freilassung der Geiseln scheint nicht oberste Priorität der Streitkräfte und Netanyahus zu sein. Der „totale Sieg“, den er beschwört, und die komplette Vernichtung der Hamas wird von Analysten weltweit als unrealistisch betrachtet. Vielmehr wird vermutet, dass die niederen Motive für seine gnadenlose Offensive der eigene Machterhalt und die Ablenkung von Korruptionsvorwürfen ist.

Sehen die Israelis all das nicht? Vielleicht doch, aber — so haben wir es aus der Wahrnehmungsforschung gelernt — man kann nur sehen, was man sehen will beziehungsweise worauf die eigene Aufmerksamkeit gelenkt wird. Und diese Lenkung ist eindeutig und gewollt: Israelis haben schwere persönliche Verluste zu betrauern, und nur darauf soll ihr Blick gerichtet sein. Außer den 1.200 Opfern vom 7. Oktober haben mittlerweile auch noch 225 Soldaten ihr Leben verloren, über 1.300 wurden verwundet. Unsere Toten sind ausschließlich Helden; jeder getötete Palästinenser hingegen ist ein eliminierter Terrorist, ganz gleich, ob er 20-jährig mit einer Waffe in der Hand oder als Säugling an der Brust seiner Mutter getötet wurde.  Für Israelis fühlt sich jeder tote Soldat wie der Verlust des eigenen Sohnes an. Besonders, weil wir mit der Mär von der „moralischsten Armee der Welt“ aufgewachsen sind. Dass dem nicht so ist (weil keine Armee der Welt im Krieg „moralisch“ ist), weiß man längst; gerade eben hat sogar die Süddeutsche Zeitung ausführlich dazu berichtet. Sie beschreibt Videos wie dieses oder dieses oder dieses.

Von daher können wir nicht mit Bemühungen von israelischer Seite rechnen, den Krieg schnellstmöglich zu beenden. Umso wichtiger sind all die jüdischen Stimmen und die der Israelis im Ausland. Die allermeisten setzen sich für eine umgehende Waffenruhe, die sofortige Freilassung aller noch lebenden Geiseln und Friedensverhandlungen ein. Denn die Geschichte hat gezeigt: ohne Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit wird es niemals Frieden und Sicherheit geben. Auch nicht für Israelis.

Kultur, Politik und gutes Leben