Das Julius schließt. Julius bleibt.

Liebe Brieffreundinnen und Freunde,

manchmal muss man andere für sich sprechen lassen. Wenn Du Dir ein Bild davon machen willst, was hier in Chemnitz in den letzten zwei Wochen abgeht, dann lies mal diese Artikel. Besonders der erste, eine Reportage mit dem Titel Juden in Chemnitz und der Fall Nirit Sommerfeld: Wie viel Kritik an Israel ist erlaubt? verdient große Beachtung. Er ist gut recherchiert und hat allen Interviewten, auch mir, die Gelegenheit gegeben, die eigenen Zitate zu überprüfen und freizugeben. Es wissen hier also alle genau, was sie sagen.

Im Zuge all der Ereignisse werde ich die Verlängerung des Mietvertrags im Café Julius im Schocken nicht unterschreiben. Damit endet das „Julius“ in Chemnitz aber selbstverständlich nicht! Schließlich habe ich meinen von Nazis enteigneten, gedemütigten, ermordeten Großvater Julius, der meinen damals 18-jährigen Vater nach Palästina brachte und damit mich erst ermöglichte, nicht wieder in diese Stadt gebracht, um nach zwei Jahren wieder zu verschwinden. Und ich habe nicht durch meinen Vater die Folgen des Holocaust und das „Nie wieder für niemanden und nirgendwo!“ gelernt, um mich in Deutschland von Staatsräson-Gläubigen und Philosemiten einschüchtern zu lassen, weil ich mein Geburtsland für seinen Völkermord an den Palästinensern kritisiere. Die Sommerfelds haben hier — und das zeigen die zahllosen Sympathie- und Solidaritätsbekundungen, die uns in den letzten zwei Wochen erreichten — wieder einen festen Platz in der Stadt eingenommen. Darum wird Julius, werden wir bleiben. Wo, wie und ab wann es kulturell und kulinarisch weitergeht, erfährst Du demnächst hier.

Damit enden auch im smac, dem Museumscafé, in dem das Café sich befindet, die Tacheles-Gespräch auf dem Goldenen Sofa am 27. August mit Prof. Dr. Susan Neiman. Doch natürlich werden wir die letzten vier Gespräche weiterführen, aufzeichnen und auf Youtube kostenfrei zur Verfügung stellen. Zeit und Ort der Veranstaltungen wird rechtzeitig bekanntgegeben.

Nun wünsche ich Dir eine aufschlussreiche Lektüre.

Herzlichst,


Ostdeutsche Allgemeine Zeitung: