Nach dem 7. Oktober…

Seit drei Jahren ist unser aller Leben verändert. Nichts ist, wie es vorher war, auch nicht für uns, die trotz Familien- und Freundesbanden lediglich Zaungäste sind bei dem makabren Spektakel. Vor allem aber ist alles für immer anders für diejenigen, die direkt selbst betroffen sind, die ihre Liebsten verloren haben, deren Freunde und Verwandte entführt wurden, gehungert haben, verletzt und verstümmelt wurden. Alle sind für den Rest des Lebens traumatisiert und werden diese Traumata an ihre Kinder und vermutlich ihre Enkel weitergeben. Andere werden nichts mehr weitergeben; sie haben ihr Leben verloren.

Laut israelischen Angaben sind seit dem 7. Oktober ’23 etwa 2.350 Menschen getötet worden, davon rund 1.000 Zivilisten. Auf palästinensischer Seite berichten auch durch Israel bestätigte Quellen von rund 75.000 Toten, darunter 20.000 Kinder; die Schätzungen gehen laut The Lancet etwa 40% höher, weil all die Menschen nicht mitgezählt werden, deren Überreste noch unter den Trümmern liegen. Zusammengezählt sind das allein in den letzten drei Jahren vermutlich an die 200.000 Israelis und Palästinenser, die durch Krieg, Terror, Waffen und Hass getötet wurden.

Nun zu den Verletzten: Das israelische Versicherungsinstitut betreut über 87.000 Opfer ‚feindlicher Handlungen‘, bei rund 40.000 davon wurden Behinderungen festgestellt, etwa 35.000 haben Anspruch auf psychische Invalidität, 1/10 davon auf körperliche und ein weiteres Zehntel, also rund 3.000, auf beides.

Die Palästinenser haben kein Versicherungsinstitut; die Zahlen werden geschätzt durch das UN-Büro OCHA, durch Oxfam und andere NGOs. Über 175.000 Verletzte Palästinenser wurden gezählt, 1.150 davon seit der sogenannten „Waffenruhe“, die seit einem Jahr herrscht.

Nicht mitgezählt sind in Israel all die Trauernden, Gebrochenen, Traumatisierten, still Deprimierten, in Drogen oder andere Süchte Geflohenen; die Selbstmörder, deren Zahl stetig zunimmt. Nicht mitgezählt sind in Gaza, in der Westbank und im Libanon die abertausenden Verzweifelten, die in Zelten Lebenden, die Vertriebenen, die Verstümmelten, deren Glieder ohne Narkose amputiert wurden; die nach wie vor Hungernden; die Gebrochenen und die Trauernden; die Traumatisierten.
Leicht zu zählen hingegen ist vermutlich die Zahl derer zwischen Mittelmeer und Jordan, die gar nicht betroffen sind. Sie dürfte gegen Null gehen.

Wer hat nochmal gesagt, dass Krieg die Lösung sein könnte? Wer redet uns ein, dass durch Gewalt eine Region befriedet werden kann? Wer will uns weismachen, dass Frieden nur durch Krieg zu erreichen ist?? Und wieso fallen wir Generation für Generation auf diesen Schwachsinn herein???

Es gib noch eine ziemlich leicht zu ermittelnde Zahl. Sie ist klein, aber sie wächst. Es ist die Anzahl derjenigen Menschen, ihrer Organisationen, Unterstützerinnen und Unterstützer, die sich für einen anderen Weg entschieden haben: Den Weg des Miteinanders, des endgültigen Waffenverzichts, der Gerechtigkeit, der Anerkennung und Versöhnung. Ist es nicht völlig offensichtlich, dass nur auf diesen Pfaden Heilung und Frieden entstehen kann?


Hier einige Beispiele, die auch Du unterstützen kannst. Alles hilft: Weitergeben, teilen, mitmachen, finanzieren. Besonders ermutigend finde ich die Menschen, die auf beiden Seiten ihre Liebsten verloren haben und dennoch — oder gerade deswegen — gemeinsam diesen Weg gehen, wie Aziz Abu Sarah und Maoz Inon.


Mubarak Awad war Mitgründer der 1. Intifada und wurde 1988 von der israelischen Regierung aus Jerusalem verbannt. Er war Gründer des Palästinensischen Zentrums für das Studium der Gewaltfreiheit, Gründer des National Youth Advocate Program und Gründer und derzeitiger Präsident von Nonviolence International, wo er diese 7 Schritte zur Gewaltfreiheit postuliert:


Amir Theilhaber, Geschäftsführer des New Israel Fund Deutschland, schreibt in seinem Newsletter:

Der einzige Weg nach vorn führt hin zu Frieden, Gleichberechtigung und einer gemeinsamen Zukunft.

Deshalb setze ich einen Fuß vor den anderen. Denn durch die Arbeit des NIF können wir beginnen, die Wunden zu heilen.

Wir stehen hinter einer Bewegung von Menschen, die nicht nur an eine bessere Zukunft glauben – sie tun alles in ihrer Macht Stehende, um sie Wirklichkeit werden zu lassen. 


Yonatan Zeigen verlor seine Mutter, die engagierte Friedensaktivistin Vivian Silver, am 7. Oktober im Kibbuz Be’eri. Seither hat er sein Leben völlig umgekrempelt und engagiert sich mit Israelis und Palästinensern bei Standing Together. Hier sein Bericht zum Jahrestag.


Im Beitrag von Combatants for Peace heißt es:

Wir alle erkennen an, dass drei Jahre verheerender Gewalt weder Sicherheit für Israelis noch Freiheit für Palästinenser gebracht haben. Es kann keine Zukunft geben, die auf Besatzung, ethnischer Säuberung, Völkermord und der Verweigerung der palästinensischen Rechte basiert. Noch mehr Gewalt kann nicht die Sicherheit bringen, die Israelis verdienen.
Wir brauchen dringend eine neue Vision für die Zukunft.

Die Gruppe, bestehend aus Israelis und Palästinensern, traf sich online, da es strenge Bewegungskontrollen in der Westbank gab. Rana schloss das Meeting mit einem Zitat von Mahmoud Darwish.


Lasst Euch nichts erzählen. Nur Gerechtigkeit, Ausgleich, Anerkennung und eine Menge Arbeit bringt Frieden. Krieg bringt immer nur Krieg und Leid, über Generationen. Lasst uns damit aufhören.

Herzlichst,


Noch ein Hinweis für Chemnitzer und Leute, die nach Chemnitz kommen wollen:
– am 22.10. sitzt Sabine Wolfram, Direktorin des smac, mit mir auf dem Goldenen Sofa
– News zu Chemnitz, dem JULIUS, den Tacheles-Gesprächen auf dem Goldenen Sofa und dem Antonplatz gibt es HIER
– bis zum 1. November bin ich mit vielen kulinarischen Angeboten in der Experimentierküche, Zietenstraße 13. Infos und Reservierungen an kontakt@julius-in-chemnitz.de