Alles Schein?

ALLES SCHEIN ist der Titel eines Songs, den ich vor etwa zehn Jahren geschrieben habe, nachdem ich Israel den Rücken gekehrt hatte und wieder nach Deutschland zurückgezogen bin. In dem Lied hatte ich meine Wut auf die israelische Politik verarbeitet, aber auch die Liebe zu dem Land und die Enttäuschung, die es mir bereitet hatte. Damals schon schrieb ich diese Zeilen an den Staat meiner Geburt:

Du bist zu weit gegangen in deiner Gier nach Macht und Land…
Genug ist genug!

Es hat über ein Jahrzehnt und Tausende palästinensische und Dutzende israelische Menschenleben gekostet, bis sich endlich auch in Israel eine kritische Masse von Menschen auf die Straße oder mit Petitionen an die Öffentlichkeit wendet und schreit: Genug ist genug! Scheinbar brauchte es das Pogrom von Huwara mit einem Toten und zahllosen Verletzten und Traumatisierten, bei dem Soldaten tatenlos zusahen, wie gewalttrunkene jüdische Siedler Terror verbreiteten und Panik und Verwüstung hinterließen, um innerhalb Israels, sogar innerhalb des israelischen Militärs und auch international Empörung hervorzurufen. Doch dürfen wir uns nicht täuschen lassen: In die Proteste sind bisher Palästinenser nicht involviert, auch das Thema ‚Besatzung‘ steht bisher noch im Hintergrund. Die Menschen demonstrieren gegen die Abschaffung der Gewaltenteilung, die offiziell „Justizreform“ genannt wird. Sie demonstrieren gegen den Abbau der Demokratie, in der sie, also jüdische Israelis, bislang relativ bequem und privilegiert leben konnten. Ist also alles Schein, was derzeit in Israel geschieht? Mitnichten. Es bewegt sich eine Menge, aber es ist, wie immer, eine komplizierte Gemengelage; mehr dazu am Ende dieses Newsletters.

Den Terror von Huwara allerdings erleben Palästinenser in ihrem Alltag überall in den Besetzten Gebieten seit Jahren und Jahrzehnten — vielleicht nicht in dieser Größenordnung und vor allem nicht mit derartiger medialer Aufmerksamkeit, aber für sie als Individuen in ebendieser Härte und mit schwerwiegenden Folgen. Wir lesen und hören von „Hauszerstörungen“, von „Kollektivstrafe“, „Konflikt“ und „administrativer Haft“ — aber was genau können wir uns darunter vorstellen? Sind hier wirklich zwei gleichberechtigte Parteien in einen „Konflikt“ geraten? Was bedeutet es für eine Familie, wenn sie zusehen muss, wie ihr Zuhause unter einem Bulldozer zermalmt wird? Was geht in Kindern vor, wenn sie dabei ihre verzweifelt schreienden Mütter, Väter und Großmütter beobachten? Ist zu erwarten, dass aus diesen Kindern brave Staatsbürger werden, die ihre Loyalität zeigen gegenüber einer „jüdischen Demokratie“, wie sie vom Staate Israel, mittlerweile in Grundgesetzform gegossen, verlangt wird? Wie sollen Palästinenser darauf reagieren, wenn ihr Leben tagtäglich bestimmt ist von israelischer Kontrolle an Checkpoints, bei der Beschaffung einer Arbeits- oder Reiseerlaubnis? Wenn ihre Häuser, ihre Felder, ihre Olivenhaine zerstört oder geraubt werden? Wenn Dutzende von Gesetzen sie machtlos machen? Wenn sie ständig Angst haben müssen vor nächtlichen Hausdurchsuchungen, vor Verhaftungen durchs israelische Militär, vor Haft ohne Anklage, ohne jegliche Rechte und ohne absehbares Ende? Wie reagiert ein Mensch auf andauernde psychische und physische Gewalt, Bedrohung, Landraub, Zerstörung und Demütigung? Wie würdest Du darauf reagieren?

Ich gebe zu, ich ziehe vor jedem Palästinenser den Hut, der nicht mit Steinen wirft, der nicht ein Messer zückt oder gar zu schlimmeren Gewalttaten bereit ist. Ich ziehe den Hut vor all den Palästinensern, die an Kursen zur gewaltfreien Kommunikation teilnehmen, die in Flüchtlingslagern angeboten werden, wovon ich mich persönlich überzeugen konnte; vor denen, die nach wie vor an ein friedliches Zusammenleben von Israelis und Palästinenser unter gleichen und gerechten Bedingungen glauben. Ich selbst musste mich schon 2009 aus Israel-Palästina zurückziehen, weil meine Wut und mein Frust über die Ohnmacht, die ich empfunden habe, eine bis dahin ungekannte mächtige Aggression in mir aufsteigen ließ, obwohl ich nur Zaungast war bei meinen häufigen Besuchen in der palästinensischen Westbank, gesegnet mit dem unverdienten Privileg, zufällig den richtigen Pass, die richtige Religion und den richtigen Geburtsort vorweisen zu können. Diese körperlich fühlbare Aggression ließ mich einmal ungewollt meine Hand zur Faust ballen und gegen ein Autodach schlagen — für mich schon eine extrem gewalttätige Übergriffigkeit, nur weil der Autofahrer mich bedrängt hatte. Was hätte ich getan, wenn das Auto ein Militärjeep gewesen wäre und die Soldaten darin mein Kind zum Verhör mitgenommen hätten? Was würde ich tun, wenn aus dem Fahrzeug geschossen würde und dadurch mein Bruder, meine Tante oder ein Bekannter verletzt oder getötet würde? Hätten wir nicht alle Verständnis dafür, wenn Menschen, die derartiger Willkür und Gewalt ausgesetzt sind, sich auch wieder mit Gewalt wehren? Haben wir dieses Verständnis nicht seit über einem Jahr mit den Menschen in der Ukraine bewiesen? Ein Verständnis, das soweit geht, dass selbst die großen „Friedens“parteien nicht zögern, todbringende Waffen zu liefern, um den Unterdrückten beizustehen? Man stelle sich kurz vor, Deutschland würde auch unterdrückten Palästinensern mit Waffenlieferungen zur Seite stehen…

Um es klar zu machen: Das war ein Gedankenspiel. Ich bin dagegen, noch mehr Waffen in der Welt herumzuschicken. Ich wäre dafür, nie wieder welche zu produzieren. Denn jede Waffe, die ihren Zweck erfüllt, tötet und verletzt Menschen. Ich bin gegen Waffen, und ich bin gegen jegliche Form von Gewalt. Das heißt nicht, dass Menschen nicht das Recht hätten, sich zu verteidigen; aber es kommt eben auf die Wahl der Mittel an. Mag sein, dass ich naiv bin, oder, um es mit John Lennon auszudrücken:

You may say, I’m a dreamer,
but I’m not the only one

Ich weiß, dass ich nicht allein bin mit dieser Sichtweise — viele meiner Freunde sehen das wie ich. Das ist naiv? Na wenn schon. War Jesus auch naiv, oder Buddha? Einstein, das Genie, war auch naiv, als er sagte: Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist. Ich glaube an das Wunder der Veränderung durch Liebe, Vertrauen, Anerkennung von Schuld und Unrecht, Verzeihen, Demut vor dem Leben, Freundlichkeit. Freiheit. Gerechtigkeit. Zum Glück bin ich nicht Politikerin geworden; es scheint, dass die meisten Menschen dieser Berufsgattung solche Werte nicht durchzusetzen imstande sind. Zum noch größeren Glück habe ich die Kunst an meiner Seite, eine treue Gefährtin, auf die ich immer wieder zurückgreifen kann. Darum lade ich Dich herzlich ein zu meinem nächsten Konzert mit meinem ORCHESTER SHLOMO GEISTREICH am 23.03.23 im alten kino in Ebersberg. Einen Vorgeschmack bekommst Du hier mit dem Live-Mitschnitt von ALLES SCHEIN aus dem Gasteig von 2019:


Ich freue mich auch sehr über Deine Teilnahme an meinem Präsenz-Workshop am kommenden Sonntag, den 19.03.23 in München. Der ganztägige Kurs ist ohne jede Vorkenntnisse für alle geeignet, die etwas zu sagen, zu singen oder zu performen haben, sei es vor einer Schulklasse, einer Hochzeitsgesellschaft, einer Betriebsversammlung oder auf einer Bühne. Und wir haben einen Tag lang ganz viel Spaß und Freude miteinander! ACHTUNG: Anmeldung nur noch bis Donnerstag Morgen möglich unter 089 – 41 42 47 – 0.

Ich freue mich auf ein Wiedersehen und grüße herzlichst,

Zum Schluss noch meine Auswahl relevanter Artikel zur derzeitigen Situation in Israel und Palästina:

Tomer Dotan-Dreyfus, in Berlin lebender Israeli, kommentiert in der Berliner Zeitung: Israel brennt und Deutschland guckt zu
BIP-Aktuell berichtet in seiner 250. Ausgabe über die Rebellion in der israelischen Armee
Lidia Averbukh, 2021 über das israelische Rechtssystem promoviert, schreibt im Verfassungsblog über Israels Staatsumbau
Marwan Bishara beklagt auf AlJazeera den faschistischen Umbau durch die gegenwärtige israelische Regierung: Turmoil in Israel, trepidation in Palestine
Oren Ziv beschreibt im israelischen Magazin +972 die Hintergründe um das Pogrom von Huwara: Why Huwara
Nate Orbach, ebenfalls auf +972, über den Rachefeldzug von Simcha Rothman, Vorsitzender des Ausschusses für Recht und Justiz der Knesset
Eva Illouz, israelisch-französische Soziologin, sagt im SPIEGEL-Gespräch: Wer ein Freund des jüdischen Staates ist, muss jetzt die Stimme erheben

Zum Thema „Stimme erheben“: Roger Waters, ehemals Pink Floyd, hat vor dem UN Sicherheitsrat eine beeindruckende Rede gehalten. Auf die Diffamierungen und Ausladungsversuche einiger deutscher Städte und Bürgermeister hat er in klaren Worten auf seiner Website geantwortet.

Ganz besonders möchte ich das SWR2-Radio-Interview mit Dr. Aref Hajjaj hervorheben. Es veranschaulicht durch seine persönlichen Erlebnisse, in welcher Situation Palästinenser sich seit Beginn der Nakba, also seit 1947, befinden.

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