Alle Beiträge von Nirit Sommerfeld

sprechen und spalten oder lieber SCHWEIGEN?

Der Wunsch nach einem dritten Weg

Ich rede ja gerne, aber momentan fällt es mir schwer. Es wird so viel geredet, erklärt, behauptet, mit Zahlen um sich geworfen. Alle sind Experten geworden für irgendwas — aber ich kann da nicht mitreden. Ich will auch gar nicht. Bei meinen zaghaften Versuchen, entweder mit Humor zu all den Verordnungen oder mit einer gewissen Skepsis gegenüber Impfungen eine Diskussion anzustoßen, bin ich auf etwas gestoßen, das ich bisher nur aus der Israel-Palästina-Debatte kenne: Extreme Polarisierung. Entweder Du bist für oder Du bist gegen uns. Wenn Du für die Palästinenser bist, hasst Du Israel, bist sogar Antisemit; Du spielst den Feinden in die Hände, Du bist Verräter. Etwas anderes ist nicht vorstellbar.
Es braucht immer einen langen Prozess, bis Leute, die sich für Freunde Israels halten, in einem Gespräch — wenn sie sich denn überhaupt darauf einlassen — beginnen zu begreifen, dass Du nicht gegen Israel bist, wenn Du für die Rechte der Palästinenser eintrittst (Verzeihung, Freund*innen, dass ich heute die männliche Form wähle — es flutscht besser auf der Tastatur, auch wenn ich jedes Mal “*innen” denke. Aber halt, stopp: Auch dieser Gedanke lässt mich stocken: Darf ich heute noch ungestraft die männliche Form wählen? Bin ich jetzt Antifeministin? Unbewusst? Gleichgültig gegenüber den Errungenschaften der Emanzipation? Oder soll ich jetzt einfach mal nicht so ‘nen Aufstand machen und herrgottnochmal die Gender-korrekte Form wählen? Aber wie genau ist die?! Du merkst: Es ist kompliziert).

In der Israel-Palästina-Debatte werden immer wieder Argumente wie Geschütze aufgefahren, die darauf zielen, Dich zu diskreditieren. Kommen diese Argumente von Institutionen und Amtsträgern, kannst Du davon ausgehen, dass Du mundtot gemacht werden sollst (hierzu gäbe es viel zu sagen — dazu ein andermal an anderer Stelle, oder hier). Kommen die Argumente jedoch in persönlichen Gesprächen ist es interessant zu beobachten, wie es Leuten leichter fällt, unsereins in eine Schmuddelecke zu stecken anstatt sich damit auseinander zu setzen, dass die Dinge komplexer sind als nur “dafür” und “dagegen”, dass es viel, viel mehr gibt dazwischen. Sind es nicht die leisen Zwischentöne, die in der menschlichen Kommunikation die wesentliche Rolle spielen, die Komplexität erfahrbar machen? Diese kleinen feinen Klänge vermisse ich nicht nur im Kontext Israel/Palästina, ich vermisse sie mehr als alles andere in unserer aktuellen Welt der vergangenen Wochen. Ich leide nicht so sehr unter der Trennung von geliebten Menschen — Trennungen und große zeitliche und örtliche Entfernungen musste ich von klein auf ertragen lernen. Ich leide viel mehr unter der Polarisierung und der mit ihr einhergehenden Spaltung in gut und böse, richtig und falsch, “geht gar nicht” und “muss unbedingt sein”. Jene zeitlich-örtliche Distanz ist eine physische und kann überwunden werden; sie ist kein social, sie ist physical distance. Die in diesen Wochen erlebte Distanz hingegen wird zunehmend unüberwindbar, sie spaltet uns, sie treibt uns voneinander weg wie Sterne nach einem kosmischen Knall, die in alle Ewigkeit auseinander driften, nur weil unsere Meinungen ideologisch eingetütet werden in “rechts” oder “links”, “Regierungskonformist” oder “Verschwörungstheoretiker”, “Realist” oder “Esoteriker”.
Ich frage mich, wo unsere Debattenkultur hin ist, wo der wissenschaftliche, aber vor allem wo der gesellschaftliche Diskurs geblieben ist?! Ein Diskurs, in dem unterschiedliche Meinungen fundiert dargelegt, von allen Seiten betrachtet, immer wieder neu geordnet, gerne emotional, aber auch sachlich geführt und meinetwegen auch beurteilt werden dürfen, ohne dass die Menschen dahinter gleich verurteilt werden! Ich bin mir durchaus bewusst, dass wir inmitten einer adaptiven Herausforderung stehen, für die es keine bekannten technischen Lösungen gibt. Umso mehr erschüttert mich die Absolutheit, mit der argumentiert und geurteilt wird, als wäre alles andere — egal auf welcher Seite — alternativlos.

Immer wieder höre ich Sätze wie “Ich traue mich kaum, es zu sagen, aber…” oder “Man muss echt aufpassen, was man sagt”. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich selbst schon bei solchen oder ähnlichen Sätzen ertappt. Ich weigere mich jedoch zu denken, dass wir unsere Meinung hierzulande nicht äußern dürfen. Und noch kann ich mühelos den Beweis antreten, dass ich das kann. Etwa so:

Israels Besatzungspolitik ist völkerrechtswidrig.
Der israelische Staat verletzt die Menschenrechte der Palästinenser seit Jahrzehnten.
In Israel herrscht eine de facto Apartheidpolitik (laut UN-Definition).
Zwischen Mittelmeer und Jordan gibt es de facto nur eine Regierungsmacht: Für Juden gestaltet sie sich demokratisch, für Palästinenser als Militärdiktatur.

Der Staat Israel spricht mitnichten für alle Juden der Welt.

All das und noch viel mehr kann ich hier sagen. Und doch: Werden Versuche unternommen, kritische Meinungsäußerungen z.B. in Bezug auf Israel und Palästina zu verhindern? Und ob! Bekomme ich dadurch Probleme? Oh ja, und wie! Aber dennoch, ich kann hier in aller www-Öffentlichkeit oder zuhause oder bei Freunden oder bei öffentlichen Veranstaltungen all das sagen und schreiben. Erst wenn diese Zeilen gelöscht werden von einer staatlichen Aufsichtsbehörde, werde ich von einer Meinungsdiktatur, von faschistoiden Regime-Strukturen sprechen. Täte ich das jetzt, würde ich allen Opfern von Diktaturen und Opfern von Faschismus nicht gerecht werden. Ebenso wie man den Opfern des Antisemitismus nicht gerecht wird, besonders den Opfern des Holocaust posthum schreiendes Unrecht geschehen lässt, wenn Kritiker des Staates Israel als Antisemiten diffamiert werden, wie aktuell im Falle von Prof. Achille Mbembe geschehen (lies dazu unbedingt den Aufruf jüdischer Wissenschaftler und Künstler, den offenen Brief der Jüdischen Stimme oder am besten Achille Mbembe selbst).

Erkenne ich jetzt schon Gefahren für unsere Demokratie, etwa durch extreme Kontrollmechanismen, die wir uns kaum auszudenken wagen und die vielleicht dadurch, dass wir verängstigt sind, viel schneller greifen? Oh ja, keine Frage. Können, dürfen wir das alles diskutieren und unterschiedliche Meinungen dazu stehen lassen, ohne Zynismus, Abwertung, Ausgrenzung, Diffamierung? Das würde ich mir wünschen, würde mir meine Meinung bilden und auch ändern wollen, auch darüber scherzen dürfen, ohne gleich befürchten zu müssen, in irgend eine Schublade gesteckt zu werden. Hinter der extremen Polarisierung, die es schon lange gibt und die in den vergangenen Wochen exponentiell gestiegen ist wie manch andere Kurve, verspüre ich vor allem eines: Angst. Angst ist eine nahezu unbezwingbare Kraft, die lähmen oder aggressiv machen kann. Ich kenne keine zuverlässige Methode, sie endgültig loszuwerden, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass auch die Angst einen Feind hat, vor dem sie sich fürchtet. Es ist der menschliche Wille, die menschliche Entscheidungsfähigkeit. Jedem Menschen wohnt sie inne; jedes menschliche Wesen hat die Fähigkeit, mit Willensstärke diese eine Entscheidung zu treffen:
Von Dir, Angst, lasse ich mich nicht beherrschen! Verschwinde aus meinem Leben!
Es hilft, das oft zu wiederholen, am besten laut. Es eröffnen sich völlig neue Perspektiven von Welt, vom Leben selbst, wenn nicht Angst, sondern der freie Wille die Oberhand über das eigene Denken und Handeln gewinnt.

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Nun zu meinen Empfehlungen diese Woche:
Ich bin eine große Vertreterin dessen, dass man am besten am Originalschauplatz mit eigenen Augen sieht und mit eigenen Ohren hört, bevor man sich eine Meinung bildet. Darum bin ich seit Jahren mit Menschen in Israel und Palästina unterwegs, lasse sie selbst sehen und mit Menschen vor Ort sprechen. Dabei werde ich von meinem Freund Yahav begleitet, einem zertifizierten israelischen Reiseleiter (der Beste!), der endlich ein erstes Video gemacht hat zu Jaffa:


Da zur Zeit das Reisen nicht so gut möglich ist, bietet das Münchner DOKFilmfestival in diesem Jahr die großartige Chance, mit 121 Filmen von zuhause aus ganz Deutschland in die Welt zu gucken.

HIER findest Du das gesamte Programm, das heute beginnt und online abrufbar ist. Aus meiner Sicht spannend: DOK.focus lasting memories beschäftigt sich mit Zeitzeug*innen des Nationalsozialismus und dem Umgang der nachfolgenden Generationen mit deren Vermächtnis. Bestimmt auch sehenswert: KOSHER BEACH aus Israel; IBRAHIM: A FATE TO DEFINE aus Palästina; und drei Filme aus dem Iran SUNLESS SHADOWS, THE UNSEEN und COPPER NOTES OF A DREAM (stimmt, ich habe eine Vorliebe für #Mittlerer und Naher Osten!).

Informationen zum Vorverkauf, den Tickets, Zahlungsmöglichkeiten und technischen Details findest Du hier.

Ich wünsche gute Unterhaltung und empfehle tiefes, lächelndes, angstbefreiendes Durchatmen!

Herzlichst,

Inspiration

Heute Abend findet virtuell, versteht sich eine gemeinsame Israelisch-Palästinensische Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Opfer beider Seiten statt. Sie wird zum 15. Mal von den Combatants for Peace und dem Parents Circle – Families Forum organisiert. Die Combatants for Peace Kämpfer*innen für den Frieden sind ehemalige israelische Soldat*innen und ehemalige palästinensische Kämpfer*innen, die der Gewalt abgeschworen haben und für ein Miteinander einstehen; der Parents Circle sind palästinensische und israelische Eltern und Familienmitglieder, die ihre Liebsten durch Gewalt der jeweils anderen Seite verloren haben.

Heute Abend gedenken sie gemeinsam, und wir alle können dabei sein.

Was 2005 als kleine Zeremonie von 50 Menschen begann, ist jetzt die zweitgrößte Gedenkveranstaltung in Israel. 10.000 Menschen nahmen im letzten Jahr an der Veranstaltung in Tel Aviv teil, über 50.000 waren via Live-Stream dabei.

Wegen der Corona-Quarantäne wird die Zeremonie vor Ort ohne physisch anwesendes Publikum stattfinden, dafür aber live übertragen. Die amerikanischen Friends of Combatants for Peace haben dazu diesen Link bereitgestellt. Die Teilnahme ist kostenlos und Du bist herzlich eingeladen!

UN-Nahost-Beauftragter Mladenov sagt zu der Veranstaltung: “Ihr seid eine Quelle der Inspiration für uns alle”. Hier dazu der Haaretz-Artikel.

Wenn Du nicht nur Geist und Seele, sondern auch Gaumen und Körper inspirieren möchtest: Hier ist mein neuestes Koch-Video: Spinat mit Käse in Blätterteig, bei uns Dusayuno genannt. Willkommen in meiner Küche! Ich freue mich über Kommentare.

Hmmm…

… was soll ich sagen? Ich dachte, ich hätte gar nichts zu sagen, ich poste nur meine Rezepte, meine Kochvideos und mache einfach nur, was mir Spaß macht: Belanglose Lebensnotwendigkeiten. Also Quatsch mit Soße. Aber mit leckerer Soße. Schmecken muss es, das ist das Wichtigste. Also das machen wir auf jeden Fall: Ich koche und lade Dich herzlich dazu ein, mir in meiner Küche dabei Gesellschaft zu leisten! Virtuell, aber live und in Echtzeit, durchs World Wide Web verbunden, aber doch kontaktlos (was wohl das Unwort des Jahres 2020 werden wird?). Es wird lecker, versprochen, und manchmal auch lustig! Mmmhhh…

Mein neuestes Koch-Video ist schon online, ein indisches Linsengericht – Dhal mit Reis, Ghee und Pfefferminz-Chutney. Bitte sehr, dauert nur siebeneinhalb Minuten zum Gucken und etwa 40 Minuten zum Nachmachen:

Wenn’s Dir gefällt, klicke bitte auf das Herz oder lass einen Kommentar da und verschicke den Link an Freunde.

Am morgigen Samstag, den 18. April um 18 Uhr können wir wieder gemeinsam kochen — Du in Deiner und ich in meiner Küche, aber trotzdem zusammen in Echt-Zeit. Diesmal gibt es Lauch-Küchlein in Zitronensauce mit Rosinen-Reis und Karotten-Oliven-Salat. Hier findest Du die Zutatenliste, hier ist der Link zum Live-Stream auf meinem YouTube-Kanal.

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Nun finde ich aber doch noch einiges andere erwähnenswert, zum Beispiel dies: Durch die Münchner Musikerin/ Radiomoderatorin/ Filmerin Michaila Kühnemann (lies ihren Newsletter — auch so eine, die durch die Krise endlich Zeit hat, all ihre kreativen Ideen zu verwirklichen) bin ich auf diese Initiative gestoßen, die ich richtig gut finde und die Unterstützung verdient:

Mit helfer-in-der-krise.de können wir Menschen in unserer Nähe unter die Arme greifen — das gefällt mir, so lokal zu agieren. Gleichzeitig gibt es aber auch andere Menschen, die schon unter ‘normalen’ Bedingungen komplett unterprivilegiert sind und vergessen werden, zum Beispiel Kinder in griechischen Flüchtlingslagern (Deutschland kann nicht 50 — F-Ü-N-F-Z-I-G!!! — Kinder aufnehmen, dafür aber zehntausende Spargel-Ernte-Helfer!!! Mannomann!! Die Würde des Spargel ist unantastbar… ). Oder Menschen unter Besatzung. Corona-Krise bedeutet für Menschen in Palästina eine wesentlich härtere Realität als wir sie hier erleben. Sie sind deutlich mehr Siedlergewalt ausgesetzt, ihre Vertreibung und die Annexion der Besetzten Palästinensischen Gebiete wird im Schatten der Krise hemmungslos vorangetrieben (hier zwei Artikel dazu in der Jungen Welt). Ganz zu schweigen von den Menschen in Gaza; dort ist die medizinische Versorgung schon unter ‘normalen’ Bedingungen eine Katastrophe. Daher hier ein Video mit Spendenaufruf eines Arztes direkt aus Gaza.

Und weil wir schon beim Thema sind: Im aktuellen BIP-Blog wird plausibel erklärt, wie das israelische ‘Ministerium für Strategische Angelegenheiten’ darum bemüht ist, Menschen zum Schweigen zu bringen, wenn sie sich gegen Israels Besatzungspolitik aussprechen — auch in Deutschland. Ich sage dazu heute mal… richtig! Nichts.

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So, jetzt hab ich aber genug gesagt. Ich wollte ja eigentlich nichts sagen, schon gar nichts, was die Laune verdirbt. Auch wenn ich mir jetzt widerspreche: Lies nicht alles, was Dir zugeschickt wird. Reduziere Deinen Medienkonsum. Ein gutes Buch, Musik, die Du liebst, Bewegung an der frischen Luft, tiefe Gespräche und Kontakte (mit und ohne Berührung) und alles, was uns und andere gerade stärkt, wach, fit und fröhlich macht, scheint mir momentan wichtiger als alles andere. High Spirits!

Herzlichst,

Apropos: Im Widerspruch liegt bekanntlich die wirkliche Wahrheit 😉

  1. Im Prinzip dürfen Sie das Haus nicht verlassen, aber wenn Sie es müssen, dann können Sie.
  2. Masken sind nutzlos, aber vielleicht müssen Sie eine tragen; sie kann Sie retten, vielleicht ist sie nutzlos, vielleicht aber auch obligatorisch.
  3. Die Läden sind geschlossen, mit Ausnahme derjenigen, die geöffnet sind.
  4. Sie sollten nicht in Krankenhäuser gehen, es sei denn, Sie müssen dorthin gehen.
  5. Dieses Virus ist tödlich, aber nicht für die Mehrheit, da ist es mild.
  6. Auf Kinder hat es eher keine Auswirkungen, außer auf diejenigen, auf die es sich ­­­­auswirkt.
  7. Handschuhe werden nicht helfen, aber sie können trotzdem helfen.
  8. Jeder muss ZUHAUSE bleiben, aber es ist wichtig, RAUSZUGEHEN.
  9. Es gibt keinen Mangel, aber es gibt viele Dinge, die fehlen.
  10. Tiere sind nicht betroffen, aber es gibt immer noch eine Katze, die im Februar in Belgien positiv getestet wurde, als noch niemand getestet wurde, plus ein paar Tiger im Zoo in New York.
  11. Sie werden viele Symptome haben, wenn Sie krank sind, aber Sie können auch ohne Symptome krank werden…
  12. Man darf nicht mehr in Altersheime gehen, aber man muss sich um die Alten kümmern …
  13. Wenn Sie krank sind, können Sie nicht raus gehen, außer zur Apotheke.
  14. Sie können sich Restaurant-Essen ins Haus liefern lassen, das möglicherweise von Personen zubereitet wurde, die keine Masken oder Handschuhe trugen.
  15. Sie können mit einem Freund herumlaufen, aber nicht mit Ihrer Familie, wenn diese nicht unter demselben Dach lebt.
  16. Das Virus bleibt auf verschiedenen Oberflächen zwei Stunden lang aktiv, nein, vier, nein, sechs, nein, wir haben nicht Stunden gesagt, vielleicht Tage? Aber es braucht eine feuchte Umgebung. Oh nein, eigentlich nicht unbedingt.
  17. Das Virus bleibt in der Luft – nun nein, oder ja, vielleicht, vor allem in einem geschlossenen Raum, in einer Stunde kann eine kranke Person zehn anstecken, wenn es also dumm fällt, sind alle unsere Kinder bereits in der Schule infiziert worden, bevor sie geschlossen wurde.
  18. Die Corona-Toten sind an dem Virus oder mit dem Virus gestorben.
  19. Der Test weist das Virus nach, nein es weist Moleküle in Zusammenhang mit dem Virus nach und schlägt mal falsch positiv und auch mal falsch negativ aus.
  20. Wir haben keine Behandlung, außer dass es vielleicht eine gibt, die anscheinend nicht gefährlich ist, es sei denn, man nimmt zu viel davon ein.
  21. Wir sollten so lange eingesperrt bleiben, bis das Virus verschwindet, aber es wird nur verschwinden, wenn wir eine kollektive Immunität erreichen, also wenn es alle mal hatten… dafür müssten wir raus, aber jetzt noch nicht.
  22. Wir müssen die Kurve flach halten, und damit die Krankenhäuser weiter so leer bleiben, muss sie ein halbes Jahr, nein ein Jahr, ach was, bis zu 2 Jahre flach gehalten bleiben…
  23. Die Wirtschaft verkraftet das… nicht… oder doch… wir retten die Kleinen, nein die Großen, wir sammeln Corona-Soli, nein Corona-Bonds, von den reichen Armen und geben es den armen Reichen.

Seelen- und andere Nahrung

Wir lesen und sehen derzeit enorm viele Informationen, von denen die meisten hervorragend geeignet sind, uns zu verunsichern, zu verwirren und vor allem: uns zu ängstigen. Angst ist jedoch aus meiner Sicht der schlechteste Ratgeber, wenn es darum geht, heil aus einer Krise herauszukommen. Und dass wir in einer Krise stecken, einer globalen Krise von noch nie da gewesenem Ausmaß, daran ist nicht mehr zu zweifeln. Einige hat die Virusinfektion direkt in eine persönliche Gesundheitskrise geworfen – sei es durch eigene Infektion oder durch die eines Angehörigen; viele sind in eine ökonomische, soziale, psychische und damit Angstkrise geraten; und wir alle erleben die größte Demokratie-Krise, die es nach 1945 zumindest in der sogenannten Westlichen Welt gegeben hat. Wird die Welt je wieder so sein, wie wir sie kannten? Auch die Meldungen, die wir hierzu lesen, hören und sehen, sind selten ermutigend.

Dennoch müssen wir uns mit alledem auseinandersetzen, sowohl kritisch als auch emphatisch. Kritisch, weil ein wacher, aufgeklärter Geist in alle Richtungen aufmerksam sein muss, sämtliche Nachrichten hinterfragen und grundsätzlich nach dem “cui bono? wem nützt das?” forschen sollte; emphatisch, weil viele, viele Menschen seit einigen Wochen eine extrem schwere Zeit durchmachen. Zum einen sind da die am C-Virus Erkrankten; aber ich meine auch all diejenigen, die in diesen Tagen vollkommen aus dem Rampenlicht der Medien verdrängt wurden oder überhaupt nur selten darin vorkamen: Hungernde, Verfolgte, Eingesperrte, Ausgebeutete, Geflüchtete und Flüchtende, unter Armut leidende – vor allem Alte und Kranke; Obdachlose, Menschen mit Behinderungen, Diffamierte, Ausgeschlossene. Sie alle verdienen zumindest unsere Empathie, aber eigentlich mehr, auf jeden Fall unsere Solidarität. Vielleicht ist diese Krise eine Chance, über nationale Grenzen hinweg zu denken und zu planen und ihnen einen neuen Platz in unserer globalen Menschheitsfamilie einzuräumen – einen Platz, der übers Einschließen ins Nachtgebet, über Almosen und Mitgefühl hinausgeht. Es ist die Stunde der eigenen Verantwortung und der Frage, welchen Weg wir als Individuen, aber auch als Nationen auf diesem Planeten wählen wollen und werden. Einen hervorragenden Aufsatz hierzu hat Yuval Noah Harari in der Financial Times vor wenigen Tagen publiziert.

Angeblich bedarf es mindestens vier guter Nachrichten, um eine negative emotional zu verkraften. Egal, ob die Zahl stimmt – auf jeden Fall entfalten negative Informationen eine enorme Kraft, das spüren wir derzeit alle. Darum will ich dem etwas entgegensetzen und hoffe, Dir mit den folgenden Links eine Stärkung mitzugeben. Wenn Du mich virtuell in meiner Küche besuchen kommst, wirst Du bestimmt Spaß haben (Freude stärkt das Immunsystem!) und bei Nachahmung auch noch was Leckeres zu Dir nehmen. Auch die anderen Links tragen hoffentlich zur Ermutigung bei.

Hier geht es zu meinen beiden Koch-Videos:
Marokkanischer Orangensalat & Fermentiertes Gemüse
und Pasta Putanesca à la Nirit

Das angekündigte Live-Kochen findet am kommenden

Samstag, den 4. April 2020 um 18 Uhr

statt und dauert etwa eine Stunde. Über diesen Link sollte der Live-Stream funktionieren. Wenn Du nicht nur zuschauen, sondern gleich mitkochen willst, dann findest Du hier die Zutatenliste, die Du vorbereiten solltest, wenn Du eine Marokkanische Kürbispfanne mit Reis und grünen Salat mit mir zusammen zubereiten möchtest.

Das nächste Rezept mit einem feinen Endiviensalat und Spinat in Blätterteig – das Lieblingsessen meiner Töchter – ist schon gedreht, wird gerade geschnitten und geht bald online.
Wenn Dir Kochen-mit-Nirit gefällt, dann bitte abonniere meinen Kanal auf Vimeo oder auf YouTube und teile, teile, teile!

Hier noch ein paar Kulturtips – was gerade eben möglich ist:
* Beim Zuhause-Festival streamen Künstler*innen live von Zuhause für Zuhause, für Dich! DANKE an Thomas Vogler und die anderen die Initiatoren!
* Unter dem Motto ‘Kunst hilft Kunst’ gibt es ab sofort zweimal die Woche eine Stream-in-Benefizveranstaltung aus Vorarlberg
* Das Gorki-Theater streamt jeden Mittwoch für 24 Stunden aus Berlin
* Desgleichen tun die Münchner Kammerspiele jeden Abend, auch jeweils für 24 Stunden
* Die DVD des Kinofilms FRAU STERN mit meiner Mutter in der Titelrolle ist jetzt raus und kann online bestellt werden

Zwei Nachrichten aus Palästina muss ich nun doch noch loswerden: Ein Artikel über den Abriss und die Konfiszierung von Baumaterial für eine Corona-Klinik im besetzten Westjordanland auf palestinechronicle.com. Und die Geschichte von Rani Burnat aus Bil’in im Besetzten Palästinensischen Westjordanland, die einigermaßen gut ausgegangen ist.

Bis bald, virtuell in meiner Küche!

Koch mit mir!

Essen müssen wir alle, und derzeit mehr denn je in den eigenen vier Wänden. Da bietet es sich doch an, selbst zu kochen, aber doch nicht ganz allein – am besten so, dass es besonders lecker ist, mit neuen und gesunden Rezepten. Ich koche für mein Leben gern, am liebsten für viele Gäste, die gutes Essen schätzen und genießen. Da ich aber derzeit niemanden zu uns nach Hause einladen kann, schlage ich vor, dass Ihr zu mir in meine Küche kommt!

Ich habe schon begonnen, beim Kochen eine Kamera laufen zu lassen und werde morgen, am Donnerstag, den 26. März um 18 Uhr einen Online-Kochkurs beginnen. Ich werde Dir in kurzen, unterhaltsamen Videos verschiedene Rezepte zeigen – mittelöstliche, italienische, marokkanische oder was mir eben so einfällt – und lade Dich herzlich ein, mir beim schnippeln und rühren und schmoren und abschmecken zuzusehen. Außerdem wird es ab übernächster Woche einen Küchen-Live-Stream geben (cook-along heißt das unter Koch-Profis), bei dem wir gemeinsam ein ganzes Menü kochen können! Die Zutatenliste und alle Details zum Einloggen in den Live-Stream bekommst Du mit meinem nächsten Newsletter. Was Dich erwartet? Leckere Rezepte mit frischen, (fast nur) gesunden Zutaten, die einfach mit- oder nachzukochen sind; individuelle Variationsmöglichkeiten – je nachdem, ob Du Veganer oder Vegetarier bist oder auch mal etwas mit ein wenig Fleisch magst; kreative Küchentipps, gute Unterhaltung und hinterher eine schmackhafte Mahlzeit.

Ich hoffe, Dich mit meiner Freude an gutem Essen und seiner Zubereitung anstecken zu können! Hier bekommst Du einen
Vorgeschmack …

… und kannst kostenfrei den Kochkurs abonnieren. Morgen Abend geht’s mit den ersten Rezepten los: Marokkanischer Orangensalat und etwas Eingelegtes.

Bis dahin kannst Du meinen Artikel Ruferin in der Wüste lesen. Und noch was ganz Wichtiges: Ich möchte Dich um Hilfe für meine Freundin Regina bitten, die seit bald 30 Jahren ihr Leben investiert in die Alte Mühle Bruck, einem Gnadenhof für Tiere, der Kinderparadies, Villa Kunterbunt und Therapiezentrum in einem ist. Meine Kinder haben in Bruck gelernt, mit Pferden und anderen Tieren umzugehen, für meine jüngere Tochter ist es ein zweites Zuhause. Das Projekt lebte bis vor wenigen Tagen davon, dass täglich viele Kinder und am Wochenende sogar sehr viele Kinder kamen. Jetzt darf niemand mehr hin, aber die Tiere müssen weiter versorgt werden. HIER kannst Du mehr darüber lesen und – wenn es Dir möglich ist – auch etwas spenden. Danke.

Zusammenkunft in Krisenzeiten

Liebe Leserin, lieber Leser,
liebe Brieffreundinnen und Freunde!

Lange habe ich darüber nachgedacht, was ich diesmal schreiben soll. Aber in einer Zeit, in der so viel geschrieben und gepostet, geteilt, geliked, gedroht, geängstigt, sich aufgeregt und empört wird, habe ich mich entschieden, mich zurückzuhalten. Stattdessen möchte ich nur kurz mitteilen, dass es mir persönlich gut geht, auch wenn ich dieser Tage viele, viele Fragen und wenig Antworten habe. Ich möchte von den Unmengen an Informationen, die ich – wie vermutlich die meisten von uns – derzeit zu Corona lese, höre und sehe, nur ein Video und zwei Texte teilen, die mir Stoff zum Nachdenken geben. In dem Video auf democracynow.org spricht Naomi Klein (etwa ab Minute 16’30”) über die Chancen, die sich in Krisenzeiten ergeben können; über Ideen, deren Zeit jetzt womöglich gekommen ist. Die Texte des Zeithistorikers René Schlott und des Medienprofessors Michael Meyen befassen sich eher mit den Gefahren, die drastische Maßnahmen mit sich bringen. Um es vorweg ganz klar zu machen: Ich bin absolut dafür, sich und andere zu schützen, das Virus und die Ansteckungsgefahr ernst zu nehmen, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen und verantwortungsvoll zu handeln. Das darf aber nicht ausschließen, auch verantwortungsvoll zu denken und Meinungen zu äußern, über die man streiten darf.

Und nun zu einer Premiere, die morgen, Samstag Abend stattfinden soll und zu der ich Dich hiermit herzlich einlade. Sie wird unter den gegebenen Umständen virtuell, aber live stattfinden. Erstmals möchte ich mein Wohnzimmer öffentlich zugänglich machen. Seit vielen Jahren veranstalte ich dort für unsere Freund*innen und deren Freund*innen Kultur-Salons. Das Prinzip ist teilen: Leute kommen rein, bringen Essen und andere Leute mit, wir teilen Zeit, Raum, Speisen, Getränke und Gedanken. Es gab schon Lesungen, Konzerte, Filme, Ausstellungen, Vorträge in unserem Salon — alles im privaten Rahmen. Morgen wird nun ein Salon zum Thema Geld und Geldschöpfung stattfinden, Referent ist mein Musikerkollege Christian Schantz. Wir haben beschlossen, dass auch wir Künstler systemrelevante Arbeit machen müssen, über den privaten Rahmen hinaus. Darum werden wir uns morgen Abend
am 21. März um 19 Uhr
vor die Kamera setzen und unseren Geldsalon für alle öffnen, die daran interessiert sind. HIER findest Du die Infos zum Inhalt, und mit diesem Link wählst Du Dich ein:
(Link nicht mehr aktiv)

Ich hoffe, dass wir das alles technisch gut hinbekommen! Dann kannst Du nämlich nicht nur zuhören, sondern auch im Chat Fragen stellen oder selbst etwas beitragen.

Bis morgen – herzlichst,

HIER gibt es einen Rückblick und Videos von unserem letzten Auftritt Ende März in Berlin mit Lili und Andi


Wes Lied Du singst…

In Tel Aviv hängen seit einigen Tagen zwei Riesenplakate an großen Ausfallstraßen:

Screenshots aus i24news.tv; noch ein Plakat hier auf Haaretz

Darauf zu sehen: Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas und Hamas-Führer Ismail Haniyeh, beide kniend auf kriegszerstörtem Schutt, die Augen verbunden, die Körperhaltungen zeugen von Aufgabe; über ihnen israelische Kampfhubschrauber. In großen Lettern steht darüber geschrieben:

FRIEDEN MACHT MAN AUSSCHLIESSLICH
MIT BESIEGTEN FEINDEN

Als Tel Avivs Bürgermeister Ron Huldai vergangenen Freitag anordnete, die Plakate zu entfernen, drohte die Organisation Israel Victory Project, die zwar nicht auf den Plakaten firmiert, sich aber für deren Existenz verantwortlich zeigt, sie würde vor Gericht ziehen, wenn dies geschehe.
In Tel Aviv gab es keinen Aufschrei in der Bevölkerung. Im israelischen englischsprachigen Online-Magazin i24news.tv, in dem die Meldung zuerst erschien, gab es lediglich zwei Kommentare, beide mit demselben Tenor:
“(…) Ich mag den Satz: “Frieden kommt mit der Niederlage des Feindes”. Warum gehen wir also nicht einfach hinaus und besiegen ihn?” und
Anstatt weitere Werbetafeln zu entfernen, hört auf, den Feind durchzufüttern“.
Gestern, am 19. Februar 2020, erschien in Haaretz der Kommentar von Neve Dromi, einer jungen Israelin, die das Israel Victory Project leitet, den israelischen Ableger des Middle East Forums, eines US-amerikanischen Think-Tanks, das US-Interessen im Nahen Osten vertritt. Dieser Kommentar ist mehr als lesenswert (alle Links am Ende). Zum einen zeigt er, wie liberal die Tageszeitung Haaretz ist, indem sie so einer militanten rechtsradikalen Denkerin ein Forum bietet, einer Frau, die keinen Hehl aus ihrer faschistoiden Haltung macht, die ihre Überzeugung nicht durch heuchlerisches Wir-wollen-doch-alle-Frieden-Geheule zu vertuschen sucht . Zum anderen zeigt der Artikel, dass dieser Orwell-Sprech längst im israelischen Mainstream angekommen ist; man kann sorglos vom “Besiegen” der Palästinenser sprechen, zuweilen auch von “Vertreiben” oder “Vernichten”, oder, wie im Kommentar Nr. 6 eine Meinung lesen, die in Israel weit verbreitet ist und die ganz sachlich, fast wissenschaftlich formuliert ist:
“Tatsächlich gibt es fast keine Beispiele aus der Geschichte, in denen der Frieden zwischen zwei gleichberechtigten Seiten durch Verhandlungen erreicht wurde. Frieden wurde fast immer erreicht, nachdem die eine Seite die andere besiegt hatte, oder wenn beide Seiten zu erschöpft waren, um den Kampf fortzusetzen, und dann bereit waren für einen Fortschritt . Leider haben die Araber nicht die Absicht, aufzugeben und sich zu weiterzubewegen — ihre rückständige, primitive Kultur konzentriert sich auf Rache und Ehre, und deshalb sind sie in ihrem Hass gefangen. Die Schlussfolgerung ist, dass sie besiegt werden müssen.”

Oft werde ich in Deutschland gefragt, wie es um die israelische Friedensbewegung bestellt ist, und in guter jüdischer Manier antworte ich mit einer Gegenfrage: Welche Friedensbewegung?! Weder ist Frieden in Sicht, noch bewegt sich irgendwer in irgend einer Weise in diese Richtung. Mag sein, dass Leute wie Neve Dromi — und sie ist keine Ausnahme, die Mehrheit der Israelis denken so oder ähnlich, meist noch mit einem Schulterzucken und der Entschuldigung “Uns gefällt das auch nicht, aber die Palästinenser kennen leider keine andere Sprache, also haben wir keine Wahl” — mag sein, dass diese Leute noch eine Weile das Sagen haben in Israel; mag sogar sein, dass sie noch weiter kommen mit der grandiosen Unterstützung des blondbemützten Großmauls aus Washington. Einen Frieden im wahrsten Wortsinn werden sie nicht erzielen. Und bestimmt nicht, weil die Palästinenser angeblich eine “rückständige, primitive Kultur” hätten, sondern weil kein Volk es sich gefallen lässt, jahrzehntelang vertrieben, gedemütigt und seiner Rechte beraubt zu werden. Es sei denn…

Tja, es sei denn, dieses Volk findet nirgendwo Verbündete, Unterstützer. Es sei denn, die Entrechtung wird von vielen Staaten nicht nur hingenommen, sondern unterstützt. Und genau das tun die allermeisten Staaten der sogenannten “Westlichen Wertegemeinschaft”, allen voran die USA, dicht gefolgt von der EU, vor allem aber von Deutschland. Wissen die Deutschen, was genau sie da unterstützen? Ist es dieses Israel, an dessen Seite Deutschland mit seiner unverbrüchlichen Freundschaft stehen, mit seiner vermaledeiten Staatsräson verteidigen will? Die deutsch-israelische Freundschaft ist wichtig, bemerkenswert und geboten nach der deutsch-jüdischen Geschichte, die noch so jung ist, dass sie die wenigen Überlebenden und selbst ihre Nachfahren immer noch in schlaflosen Albtraumnächten wach hält. Aber muss Freundschaft so unverbrüchlich sein, dass selbst der Bruch von Völkerrecht, Verletzung von Menschenrecht, dauerhafte Zuwiderhandlung gegen internationale Vereinbarungen noch nicht einmal zu einem Streit führen darf? Dass noch nicht einmal Bedingungen gestellt werden dürfen? Ihr Deutschen wollt Israel Waffen oder U-Boote verkaufen oder sogar schenken? Na gut, allein dagegen könnte man Bedenken äußern, aber gesetzt den Fall, Israel braucht das Zeug ganz ganz dringend, um sich zu verteidigen: Kann Deutschland da nicht sagen: Bitte sehr, hier bekommt Ihr Militärgut in Milliardenhöhe, wärt Ihr aber bitte so nett und würdet im Gegenzug die völkerrechtswidrige Besatzung beenden?! Zumindest mal keine weiteren Siedlungen bauen? Das Jordantal nicht annektieren? Palästinensische Kinder aus den Gefängnissen entlassen, zumindest keine mehr verhaften? Den Mauerbau stoppen? Checkpoints reduzieren? Gestohlenes Land zurückgeben? Die Liste wäre noch lang.

Ich höre schon das empörte Schnaufen der vermeintlichen ‘Israel-Freunde’, die die historische Verantwortung bemühen und sich schon überlegen, wie solche Sätze wie die obigen in die Schablone des “sekundären Antisemitismus”, des “als Israel-Kritik verschleierten Judenhasses” zu stopfen ist. Sorry, Freunde, weder hasse ich Juden noch Israel, im Gegenteil: Ich wünsche mir nichts sehnlicher als ein friedliches Israel, das in Freiheit, Sicherheit und Gerechtigkeit mit all seinen Nachbarn lebt. Meine Vorstellung davon weicht aber von der der anderen ab, die in Israel das Sagen haben. Ich träume, nein: ich wünsche mir und kämpfe für ein Israel UND Palästina, das in welcher Form auch immer so zusammen lebt, dass alle Menschen zwischen Mittelmeer und Jordan in Frieden und gleichberechtigt neben- und miteinander existieren können. Eine Utopie? Vielleicht, ja. Aber auch eine Notwendigkeit. Alles andere lässt mich erschaudern.

Immerhin, Tel Avivs mutiger Bürgermeister Ron Huldai hat sich durchgesetzt: die Faschisten-Plakate wurden abgehängt.

Lesematerial:
Die Meldung über die Plakate in i24news.tv (Englisch)
Kommentar von Nave Dromi in Haaretz (Deutsche Übersetzung)
Website des Israel Victory Project
Website des Middle East Forum

PS: Soeben erschien ein Kommentar von Gideon Levy (hier auf Deutsch) zu der Plakat-Affäre, er sieht das ähnlich wie ich. Er endet mit dem Satz, frei übersetzt:
“Lesen Sie Dromi und sehen Sie Israel — ohne die Filter der ‘political correctness’, ohne die Liberalen mit ihren blutenden Herzen.”
PPS: Mit deepl.com lassen sich englische Texte leicht, schnell, kostenlos und relativ gut verständlich übersetzen.
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TERMINE:

Am Sonntag, den 23. Februar 2020 nachmittags spiele ich mit meiner Tochter Lili (Klavier, Gesang) und Andi Arnold (Klarinette) beim Jahresfest des Jerusalemsvereins in Berlin. Im Zuge dessen habe ich den Veranstaltern dieses Interview gegeben.

Am Samstag, den 28. März 2020, 10-17 Uhr, findet wieder mein Präsenz-Workshop im Freien MusikZentrum München FMZ statt. Infos hier; Anmeldungen bitte ausschließlich übers FMZ.

Am Mittwoch, den 1. April 2020, 20 Uhr, zeigt das alte kino Ebersberg noch einmal den Film FRAU STERN mit meiner Mutter in der Hauptrolle. Hinterher stehe ich wieder zum Filmgespräch zur Verfügung. Wegen der großen Nachfrage empfiehlt sich eine rechtzeitige Reservierung.

Nie wieder!

“Nie wieder!”, das ist die kürzeste Formel, auf die die Lehren aus dem Holocaust reduziert werden könnte. Gemeint ist: Nie wieder Krieg! Nie wieder Antisemitismus und Rassismus! Nie wieder Ausgrenzung, Erniedrigung, Verachtung, Entrechtung, Verfolgung, Inhaftierung, Folterung anderer Menschen oder einer bestimmten Gruppe von Menschen durch eine andere Gruppe. Ganz gleich, ob die andere Gruppe einer anderen Ethnie, Kultur oder Religion angehört, welche Hautfarbe, Gesinnung oder sexuelle Orientierung sie besitzt. Der deutsche Nationalsozialismus und der grassierende Nationalismus und Faschismus im Europa der 1930er Jahre brachten den Zivilisationsbruch hervor und den Zweiten Weltkrieg, diese unfassbare Katastrophe, brachte neben über sechs Millionen gequälter, verfolgter und ermordeter Juden weitere Millionen gequälter, verfolgter und ermordeter Sinti und Roma, Homosexueller, Antifaschisten und Andersdenkender mit sich. Von den Millionen gequälter und getöteter Soldaten, Zivilisten und Flüchtlingen ganz zu schweigen.
Zwei Jahre nach Kriegsende einigte sich die Menschheit auf die 30 Artikel der Menschenrechte, zudem gibt es das Völkerrecht, das unter anderem das allgemeine Gewaltverbot sowie das Verbot eines Angriffskrieges beinhaltet. Doch wo wird das eingehalten? Welche Staaten halten sich an internationale Vereinbarungen, an Völker- und Menschenrecht? An welches Recht können wir überhaupt noch als Individuen glauben, an welches Recht uns halten, wenn staatliche Gewalt dies fortlaufend nicht tut, wie erst jüngst die gezielte Tötung des Generals Soleimanis zeigt?

In Jerusalem sind dieser Tage Staatsoberhäupter zusammengekommen, um der Befreiung von Auschwitz vor 75 Jahren zu gedenken. Es ist gut, notwendig und gegeben, sich zu erinnern, und ebenso notwendig, die richtigen Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte in seiner Rede in Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, er “wünschte, sagen zu können: Unser Erinnern hat uns gegen das Böse immun gemacht. Ja, wir Deutsche erinnern uns. Aber manchmal scheint es mir, als verstünden wir die Vergangenheit besser als die Gegenwart.” Ein bemerkenswerter Satz: Meinte er nur die deutsche, oder meinte er auch die israelisch-palästinensische Gegenwart? Dann sprach er von den bösen Geistern, die “ihr autoritäres Denken als (…) neue Lösung für die Probleme unserer Zeit” präsentieren, und fügte hinzu: “Nein zu Judenhass! Nein zu Menschenhass!”

Sicherlich bezog sich Steinmeier auf Ereignisse in Deutschland, und er tut gut daran, vor rechter rassistischer und antisemitischer Gesinnung hierzulande zu warnen und ihr etwas entgegenzustellen. Auf die Gegenwart in Israel ging er jedoch nicht ein — ebensowenig wie alle anderen Redner der Veranstaltung. Doch wie sieht es mit der Entrechtung, Einsperrung, Erniedrigung von Menschen aus, die sich Palästinenserinnen und Palästinenser nennen und die nur wenige Kilometer von Yad Vashem in Ostjerusalem, der besetzten Westbank oder im abgeriegelten Gazastreifen leben? Besser gesagt, sich im täglichen Kampf um ein halbwegs menschenwürdiges Dasein unter Besatzung bemühen, und das seit bald 53 Jahren?

Die israelische Tageszeitung Haaretz hat einige Artikel zum diesjährigen Gedenktag veröffentlicht, die ich für sehr lesenswert halte. Hier sind sie als PDF abrufbar:
Haaretz Leitartikel: Memories and Lessons
Gideon Levy: Go to Gaza and Cry ‘Never Again’
Eitay Mack: As Descendant of Auschwitz Victims, I’ve No Interest in the Yad Vashem Laundromat
Hagai El-Ad: Netanyahu Exploits the Holocaust to Brutalize the Palestinians

Hier in Deutschland titelt die Wochenzeitung der Freitag in der Ausgabe o4/2020 ‘Vom Erinnern und Verdrängen’. Ganz besonders hervorheben möchte ich den Artikel der preisgekrönten israelischen Literatin Dr. Ilana Hammerman mit dem Titel ‘Deutschland macht mich ratlos’, der im Herbst bereits in Haaretz erschien. Diese israelische Stimme solltest Du Dir unbedingt anhören, wenn Du zum Themenkomplex Israel-Deutschland-Judentum-Palästina-Nahost-Verantwortung-Antisemitismus mitreden oder Dir zumindest eine Meinung bilden möchtest!
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Nun ein paar Veranstaltungshinweise:
Am kommenden Freitag, den 31. Januar, spiele ich bei der Eröffnung der KoPI-Konferenz (Koordinationskreis Palästina Israel) in Berlin mein Programm DAHEIM ENTFREMDET. Mit dabei: Andi Arnold mit seiner Klarinette und meine Tochter Lili, klavierspielend und singend.

Freitag, 31. Januar 2020, 19 Uhr
Refugio, Berlin Neukölln, Lenaustr. 4
Hier der Flyer mit allen Infos zur Konferenz.

Das gleiche Programm DAHEIM ENTFREMDET spielen wir am Mittwoch, den 5. Februar 2020 um 19 Uhr in Bülach bei Zürich, dort mit Jan Eschke am Piano. Alle Infos dazu HIER.
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Vor genau einem Jahr feierte der Film FRAU STERN Premiere beim Max Ophüls Filmpreis in Saarbrücken. Darin spielt meine damals 81-jährige Mutter Ahuva die Titelrolle — die erste und einzige Spielfilmrolle ihres Lebens. Kurz darauf verstarb sie.

Frau Stern findet nach ihrem 90. Geburtstag, sie habe genug gelebt und will sich verabschieden. Doch ihre Enkelin Elli lässt sie im sommerlichen Berlin mit ihren jungen Freundinnen an ihrer Lebensfreude teilhaben. Die poetisch-skurrile Komödie von Regisseur Anatol Schuster und Kameramann Adrian Campean, beide auch Produzenten dieses No-Budget-Films, lief viele Wochen lang in ganz Deutschland in Programmkinos, gewann verschiedene Preise und ist nun für den Preis der deutschen Filmkritik 2019 in den Kategorien ‘Bester Film’ und Beste Darstellerin’ nominiert.

Am 8. Februar, Ahuvas erstem Todestag, zeigt das alte kino Ebersberg um 20 Uhr FRAU STERN; ich werde anschließend zum Filmgespräch anwesend sein. Ich habe meine Mutter vor und während der Dreharbeiten intensiv begleitet, kenne die Produzenten gut, habe mit meiner Band einen Großteil der Musik beigesteuert und durfte sogar eine kleine Rolle spielen. Mehr Infos, den Trailer und Karten gibt es HIER.

Ich freue mich auf ein Wiedersehen!
Herzlichst,

🌲GUTE WÜNSCHE FÜR BESSERE ZEITEN

Gerade im Freitag über Julian Assange gelesen. Was für ein Skandal! Mitten in Europa hält man einen Journalisten in Isolationshaft und überlegt, ihn in die USA auszuliefern, wo ihm 175 Jahre Haft drohen. Zurecht fragt die Autorin Angela Richter, wieso Journalisten, also Assanges Kolleg*innen, still halten, sich nicht gegen diesen Wahnsinn zur Wehr setzen, sich nicht mit ihm solidarisieren und nicht alles, wirklich alles dran setzen, ihn freizubekommen. In den Köpfen hat sich wohl Assange, der Verräter und Russenfreund, Assange, der Egomane und Narzisst, schlimmer noch: Assange, der Sexist und Vergewaltiger festgesetzt — ungeachtet dessen, dass zumindest dieser Vorwurf fallen gelassen wurde. Aber ist der Ruf erst einmal ruiniert, helfen Fakten und Richtigstellungen in unseren Zeiten nicht mehr viel. Oder war das nicht schon immer so? Hat man nicht immer schon Menschen verachtet und aus der Gesellschaft ausgeschlossen, wenn sie — auch nur vermeintlich! — Fehler gemacht, das Gesetz gebrochen, sich ‘unmoralisch’ verhalten haben? Ich denke da immer: Der werfe den ersten Stein…

Und dann noch die höchste aller Sünden, wie bei Assange: Die Wahrheit ans Licht bringen, die Schweinereien, die Kriegsverbrechen und andere Rechtsbrüche benennen, die unsere westlichen Regierungen, die ‘Guten’, tagtäglich begehen! Da werden dann nicht die Schuldigen bestraft oder zumindest der Sache mit Rechtsmitteln nachgegangen, da wird lieber der Entdecker der schlechten Nachricht des Hochverrats bezichtigt. Schon bei den Römern wurde der Übermittler einer schlechten Nachricht mit dem Tode bestraft. Der Mensch scheint sich nicht sonderlich weiter entwickelt zu haben in den vergangenen 2000 Jahren. Bessere technische Mittel hat er jetzt zur Verfügung, um seinen Schwachsinn — Geld- und Macht-geleitet — unters Volk zu bringen. Der Sonderbeauftragte für Folter der Vereinten Nationen, Nils Melzer, sagt dazu: “Ich habe noch nie zuvor erlebt, dass sich eine Gruppe demokratischer Staaten zusammen schließt, um ein einzelnes Individuum so lange Zeit und unter so geringer Berücksichtigung der Menschenwürde und der Rechtsstaatlichkeit bewusst zu isolieren, zu verteufeln und zu missbrauchen.”*
Es gab und gibt verschiedene Möglichkeiten, die eigene Stimme für Assange zu erheben; eine davon ist, diese Petition zu unterschreiben.
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Dieses Jahr hat für mich persönlich mit einem Höhepunkt im Januar begonnen, der Premiere des Films FRAU STERN beim Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken, und ging mit einem Tiefpunkt im Februar weiter mit dem Tod meiner Mutter, die die Titelfigur in diesem wunderbaren Film spielte.

Seither habe ich FRAU STERN über ein Dutzend mal bei verschiedener Gelegenheit gesehen, begleitet, besprochen, und bin nach wie vor voller Bewunderung und Dankbarkeit für meine Mutter, die wirklich eine ganz besondere Frau gewesen ist. Auch denke ich immer mit Dankbarkeit an Anatol Schuster (Regie) und Adrian Campean (Kamera), die diesen Film so einzigartig realisiert haben.
Am 8. Februar 2020, an ihrem ersten Todestag, zeigt das alte kino um 20.30 Uhr FRAU STERN, in dem oberbayerischen Städtchen Ebersberg, wo meine Mutter über 40 Jahre lang lebte. Beim anschließenden Filmgespräch werde ich über die Hintergründe erzählen und Fragen beantworten.

Am 12. Januar gibt es wieder einen Workshop Präsenz und Wahrnehmung im Freien MusikZentrum München. Infos und Anmeldung HIER.

Und für ganz Kurzentschlossene: Heute Abend spielen wir zum letzten Mal in diesem Jahr und in voller Besetzung die JIDDISCHE WEIHNACHT im Theater in Wasserburg am Inn. Besonders freue ich mich auf den Gastauftritt meiner Tochter Stella, die — wie bereits bei der Premiere vor 11 Jahren, damals 14-jährig — einen Text von Anne Frank liest. Um 20 Uhr geht’s los, Karten gibt es hier online.

Hinterher sehen wir uns in der Bar HELMUT direkt im Theater und freuen uns auf alle, die mit uns eine bessere, ehrlichere, friedlichere und freudvolle Zukunft feiern!

Diese Wünsche sende ich auch allen, mit denen ich nicht persönlich feiern kann, und freue mich auf weitere Begegnungen im Neuen Jahr!

Herzlichst,

*Quelle: Freitag Nr. 50 vom 12.12.19