Beweise

Immer wieder werde ich gefragt, ob ich denn Beweise hätte für meine Behauptungen, ich würde diffamiert werden, oder ausgeladen, oder explizit nicht eingeladen. Oder ob es wahr ist, dass die Stadt München bereits mehrfach Veranstaltungen mit mir nicht zugelassen bzw. öffentliche Räume dafür verweigert hätte mit der Begründung des BDS-Beschlusses der Stadt. Die Stadt München setzt — um es kurz und unjuristisch auszudrücken — BDS mit Antisemitismus gleich, und da man mich wiederum mit BDS gleichsetzt, bin ich — Du hast es richtig geschlussfolgert — genau: Antisemitin. So einfach geht Mathematik in München. Und ja, dafür habe ich Beweise, und es ist auch schon justitiabel geworden, will heißen: In München darf laut Gerichtsurteil des Verwaltungsgerichtshofs in öffentlichen Räumen auch über BDS diskutiert werden, wie die Süddeutsche Zeitung im November 2020 berichtete. Im Übrigen gibt es mittlerweile schon mehrere Gerichtsurteile, deutsche und europäische, die BDS als nicht antisemitisch bewerten. Ganz gleich also, ob man für oder gegen Boykott israelischer Produkte ist, fest steht: Die Bewegung BDS ist nicht antisemitisch.

Um die erste Frage vorweg zu klären: Natürlich habe ich Beweise. Ganze Ordner voll, inhaltlich und chronologisch gut sortiert. Es gibt auch eine lange Liste mit anderen abgesagten und verhinderten Veranstaltungen, die nichts mit mir, aber alles mit dem Thema „kritisches Hinterfragen der israelischen Politik gegenüber Palästinensern“ zu tun haben. Selbstverständlich kann man auch bei den über 30 Kultur- und Wissenschaftsinstitutionen nachfragen, die Mitte Dezember 2020 die Initiative GG 5.3 Weltoffenheit (GG steht für GrundGesetz, Artikel 5 Abs. 3: Meinungsfreiheit) ins Leben gerufen haben. Immerhin sind da respektable Organisationen dabei wie etwa das Goethe-Institut, das Humboldt-Forum, das Zentrum für Antisemitismusforschung, die Berliner Festspiele, das Jüdische Museum Hohenems, große Theater und viele mehr. Ein Blick in deren Plädoyer lohnt allemal, wenn man aus erster Hand erfahren will, was deren Anliegen ist.

Noch ein Beweis gefällig? Gerade frisch erschienen ist ein Video zum Thema Wikipedia von den Machern der Geschichten aus Wikihausen. Darin wird sehr anschaulich erklärt, wie Feliks (ich hatte schon über ihn berichtet) und seine Freunde seit Ende Januar bemüht sind, u.a. den Wikipediaeintrag über mich zu „bereinigen“, also all das zu löschen, was beweisen könnte, dass dieser ganze Artikel im Grunde nur dazu dient, meine Person zu diskreditieren. Es darf als positives Zeichen gewertet werden, dass selbst der SPIEGEL über die Machenschaften von Feliks berichtet.

Aber — Schwamm drüber (oder auch nicht, aber das wollen wir lieber vor Gericht klären als hier im Blog) — entscheidend ist, dass es hier um etwas ganz anderes geht, nämlich darum, dass wir, die wir Kritik üben an der israelischen (Besatzungs-)Politik, zum Schweigen gebracht werden sollen, damit wir NICHT über das sprechen, was uns bewegt:

Die Unterdrückung palästinensischer Menschen durch die israelische Regierung und das israelische Militär

Die Verhinderung der Palästinensischen Souveränität durch Israel und seine politischen Freunde

infolgedessen
Das Einsperren von Kindern
Das Zerstören von Häusern und Existenzen
Die Kontrolle von
Bewegungsfreiheit, Wasser, Ressourcen, Justiz, Gewalt


UND
DER WUNSCH NACH EINER FRIEDLICHEN UND GERECHTEN LÖSUNG FÜR ALLE MENSCHEN ZWISCHEN MITTELMEER UND JORDAN
mit 
GLEICHEN RECHTEN FÜR ALLE DORT LEBENDE MENSCHEN

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Die besten Beweise findet man, wenn man mit eigenen Augen sieht und mit eigenen Ohren hört. Daher habe ich mich entschieden, die Aufzeichnung unseres Jubiläumskonzertes vom 5. Oktober 2019 im Münchner Gasteig heute zu veröffentlichen, trotz einiger tontechnischer Probleme (wer feine Ohren hat, möge es mir verzeihen). Du kannst Dir hier unten einen 30-minütigen Zusammenschnitt ansehen oder auf Anfrage einen Link zum Konzert in voller Länge erhalten (2’20“). Hier kannst Du eine Zusammenfassung meiner Moderationen (8 Min.) sehen.

Damals wurde ich einige Tage vor dem Konzert per Mail aufgefordert, schriftlich zu bescheinigen, ich würde „keine antisemitischen Inhalte“ von mir geben und auch nicht BDS thematisieren; andernfalls behalte man sich vor, die Veranstaltung zu unterbrechen. Man hat mir also Antisemitismus-Aufpasser ins Publikum gesetzt, sicherheitshalber. Das habe ich schriftlich.

Ab jetzt kann sich jede*r selbst davon überzeugen, wie viel angeblicher Antisemitismus und Judenhass in meiner Arbeit steckt, und ob es berechtigte Gründe gibt, meine jüdische Stimme in München oder sonstwo zum Schweigen bringen zu müssen. Wer hingegen findet, solche Stimmen sollten gehört werden, kann mich gerne zu seiner oder ihrer nächsten öffentlichen Veranstaltung einladen, als Sängerin mit Band oder als Diskussionspartnerin. Live oder virtuell. Ich war, bin und bleibe immer und mit allen redebereit. Auch dafür gibt es Beweise.

Hier noch drei einzelne Songs, live aus dem Jubiläumskonzert:
ALLES SCHEIN, can’t fall out of love und The Day You Wake Up von und mit meiner Tochter Lili Sommerfeld. Übrigens: Jubiläum, weil wir 2019 das 20-jährige Bestehen unserer Band ORCHESTER SHLOMO GEISTREICH feierten, die früher KLEZMORIM hieß.

Und weil wir gerade bei Beweisen sind: Der Internationale Strafgerichtshof wird jetzt Ermittlungen zu möglichen Kriegsverbrechen und Gräueltaten in den Palästinensergebieten einleiten. Es gebe, so die Chefanklägerin Fatou Bensouda, klare Hinweise, dass die Täter israelische Soldaten und auch bewaffnete Palästinenser seien. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft und andere vermeintliche „Freunde Israels“ poltern schon heftig gegen die bloße Entscheidung, dass der Internationale Strafgerichtshof überhaupt nur zuständig ist für Israel und Palästina; Netanyahu liefert dafür gewohnt demagogisch (oder heißt das dämonlogisch?!) ein flammendes Plädoyer und schließt mit den Worten: „We will fight this perversion of justice with all our might!“ Aber der Gerichtshof ist stark und er ist international. Er wird seine Arbeit machen und herausfinden, wer hier die Justiz pervertiert. Ich bin überzeugt, dass er Beweise finden wird.

Ein Gedanke zu „Beweise“

  1. Liebe Frau Sommerfeld,
    soweit es mein Internet-Volumentarif hergab (also leider nicht ganz) habe ich mir Ihren Beweis angehört. 😉 Ich meine sogar das Schlusslied aus „Frau Stern“ erkannt zu haben, bin mir aber nicht sicher … Das alles steht so souverän für sich und geht zu Herzen, dass sich die Aufpasser in Grund und Boden geschämt haben müssen. – Gruß auch an all die hervorragenden Mitglieder der Combo! ♥️
    Solch ein wunderbares Geschenk hatte ich unter der Überschrift nicht erwartet (nach der humorig kurzen Internet-Corona-Live-Jam von vorher).
    Seien Sie ganz herzlich gegrüßt
    Andreas Brede

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